BVEA - Rundschau - Ausgabe 1-2012 zur Startseite -- Tim Lubecki - NGG Schwaben

Autobahnraststätten: Hohe Preise, niedrige Löhne

Früher wurde in Leipheim nach dem Tarifvertrag für das bayerische Gastgewerbe bezahlt. Dann wechselten die Pächter und die Einstiegslöhne sanken bis auf sieben Euro brutto in der Stunde.

Die Verkaufspreise hingegen steigen: „Weil der Preis für eine Butterbreze innerhalb eines Jahres dreimal bis auf 2,50 Euro angehoben wurde, werde ich von einigen Kunden regelrecht beschimpft,“ berichtet Sylvia K.

So wie Sylvia K. ergeht es vielen Beschäftigten an deutschen Autobahnraststätten. Sie bekommen nur einen Hungerlohn. Dabei halten sie die bundesdeutschen Autobahnraststätten 365 Tage im Jahr und zu jeder Tages- und Nachtzeit für die Reisenden offen und erfüllen damit einen öffentlichen Versorgungsauftrag. Und die Verkaufspreise an den Raststätten sind hoch. Wie passt das zusammen?

Bis 1994 wurden die Tank- und Rastanlagen an deutschen Autobahnen vom Bund betrieben. 1994 erfolgte die Privatisierung zur Tank und Rast GmbH und 1998 der Verkauf an private Investoren. Von dieser Privatisierung haben nur einige Investoren wie der britische Finanzinvestor Terra Firma profitiert. Tank und Rast ist mittlerweile hoch verschuldet, die Pächter und die Beschäftigten sind die Verlierer und die Reisenden ärgern sich über die hohen Preise.

Wie ist es dazu gekommen? Es ist gängige Praxis von Finanzinvestoren ein Unternehmen zu kaufen, ihm Schulden aufzubürden und sich selbst eine Dividende auszuschütten. Bereits im Jahr 2006 genehmigte sich Terra Firma eine solche schuldenfinanzierte Dividende von 400 Millionen Euro. 2007 verkaufte Terra Firma Tank und Rast zur Hälfte an einen Fonds der Deutschen Bank und verdiente dabei schätzungsweise 1,8 Milliarden Euro. Laut Presseberichten belief sich der Schuldenstand von Tank und Rast nach dieser Transaktion auf 2,2 Mrd. Euro.

Diese Schulden muss Tank und Rast nun bedienen. Als Einnahmequelle kommen vor allem die Pachteinnahmen in Frage, denn nur die wenigsten Raststätten werden von Tank und Rast selbst betrieben. Seitdem klagen die Pächter über immer mehr unternehmerische Einschränkungen und immer mehr Gebühren. Was hat das für Auswirkungen auf die Löhne? Den finanziellen Druck geben die Pächter an die Beschäftigten weiter. Die Folge: Immer weniger Pächter zahlen nach Tarif, die Löhne sinken, Weihnachtsgeld und Zuschläge werden gestrichen. An deutschen Autobahnraststätten werden nur noch Niedriglöhne gezahlt.

Da die Belegschaften in den Raststätten sehr klein sind und es eine Vielzahl kleiner Pächter gibt, ist koordinierte gewerkschaftliche Tarifarbeit schwierig. Viel Zeit fließt in aufwändige Verhandlungen über Haustarifverträge für einzelne Raststätten.

Aber Silvia K. und ihre KollegInnen müssen hier und heute ihre Miete, Benzin und Versicherung bezahlen – sie brauchen jetzt mehr Geld in der Tasche. Deshalb fordert die Gewerkschaft NGG gemeinsam mit den anderen DGB-Gewerkschaften seit langem einen bundesweiten gesetzlichen Mindestlohns von 8,50 Euro brutto, der schnell steigen muss. Auf dieser Lohnuntergrenze könnten die Tariferhöhungen dann aufbauen.

Sylvia K. und ihre KollegInnen haben Konsequenzen gezogen. Fast alle Beschäftigten an der Raststätte sind mittlerweile Mitglied der Gewerkschaft NGG. Mit zwei Warnstreiks konnten die Beschäftigten Lohnerhöhungen durchsetzen. Auf den gesetzlichen Mindestlohn wartet Silvia an der Raststätte Leipheim bis heute – leider vergebens.

Tim Lubecki - NGG Schwaben

 

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