BVEA - Rundschau - Ausgabe 1-2012 zur Startseite -- Eröffnung: Friedrich Karrenberg Haus - Prof. Wegener

Moralische Ökonomie

Die Vielzahl der Krisen, in denen wir uns seit längerem befinden, zwingt nicht nur zu grundlegenden politischen und ökonomischen Transformationen, sondern sie fordern auch die christliche Sozialethik heraus. Was kann sie zu einer zukunftsfähigen Neuorientierung des Wirtschafts- und Gesellschaftssystems beitragen? Wohlstand entsteht durch Investition in Kooperation

Im sozialethischen Denken der letzten Zeit hat sich ein neues Leitbild herauskristallisiert, das sich mit dem Begriff der Teilhabegerechtigkeit zusammenfassen lässt. Dabei geht es nicht nur um die Verteilung von Wohlstand an möglichst viele, sondern auch um seine Erzeugung. Wie lässt sich ein vor Gott und den Menschen verantwortliches Handeln denken, mit dem sich in einer möglichst gerechten Weise die Voraussetzungen für teilhabegerechten Wohlstand schaffen lassen? Solch ein Handeln impliziert natürlich das berechtigte Eigeninteresse eines jeden Menschen, aber es sucht dieses stets in Kooperation mit anderen, auf die es angewiesen bleibt, zu realisieren. Vom christlichen Geist beseeltes wirtschaftliches Handeln versteht sich deswegen als eines, das sich letztlich immer in der Zusammenarbeit verschieden Befähigter realisiert aber nicht in einem allgemeinen Krieg der Interessen. Gerechter Wohlstand entsteht durch Investitionen in Kooperation. Es geht pointiert um eine Wirtschaft mit allen.

Wohlwollen und Fürsorge

Diese Vorstellung gesellschaftlicher Kooperation beruht auf gegenseitigem Wohlwollen und fürsorglichen Haltungen. Das klingt möglicherweise naiv, aber es führt kein Weg daran vorbei, dass entsprechende ökonomische Stile nur in einem gesellschaftlichen Klima wachsen werden in dem - um es mit Martha Nussbaum zu sagen – das Interesse am Anderen Teil einer „gemeinsamen öffentlichen Konzeption der Person“ ist. In einer solchen Gesellschaft kann man sich nicht vorstellen, ein gutes Leben zu führen ohne seine Zwecke mit anderen zu teilen. „Das Gute der anderen bedeutet für solche Personen nicht einfach eine Einschränkung ihres Strebens nach dem eigenen Guten, sondern ist vielmehr Teil ihres eigenen Guten.“ Alles hängt davon ab, dass Strukturen der Reziprozität, des aufeinander Bezogenseins als Strukturen der Sorge umeinander aufrecht erhalten werden und nicht bedroht sind. Die grundlegende, alles erst ermöglichende, Arbeit findet folglich in der Stiftung und Aufrechterhaltung solcher Bezogenheiten statt. Sorgearbeit als Familienarbeit, im Umgang mit Kindern und in der Pflege und überhaupt in der Unterstützung all derer, die Unterstützung brauchen, stellt schlichtweg die grundlegende und ursprüngliche Wertschöpfung dar - auch wenn dies in unseren heutigen volkswirtschaftlichen Berechnungen und ökonomistischen Menschenbildern ganz anders zu sein scheint.

Geld und Finanzmärkte

Die Finanzmärkte handeln mit Geld. Geld zieht alle nur denkbaren Erwartungen auf sich, wird zum Konkurrenten Gottes und kann so geradezu diabolisch wirken. Die Gefahren des Geldes lassen sich nur dann beherrschen, wenn es strikt als ein Medium begriffen wird, das im Interesse der gesellschaftlichen Koordination von wirtschaftlichen Prozessen genutzt wird. Es hat keinen Wert in sich: Geld ist zum Ausgeben da; zur Umsetzung in reale Prozesse. Die Finanzmärkte bzw. die Banken stellen deswegen so etwas wie Makler dar. Finanzmarktakteure sind so in gesteigerter Weise Treuhänder im Interesse der Teilhabe vieler. Es ist deswegen problematisch, wenn in diesen Bereichen die Gewinnmaximierungsabsichten ungeahnte Höhen erreichen. Gute Makler sind selten diejenigen, die für sich selbst einen hohen Gewinn herausschlagen. Hinzu kommt, dass extrem hohe Gewinne nur durch das Eingehen von maximalen Risiken erreicht werden können. Da die Banken im Interesse aller Risiken übernehmen und bei ihrem Scheitern die gesamte Gesellschaft in unverhältnismäßig hohem Ausmaß betroffen ist, müssen sie selbst robustere Sicherungssysteme gegen Risiken vorhalten als andere wirtschaftliche Akteure. Wirkliche Freiheit realisiert sich nur dann, wenn Verantwortung präzise zugerechnet werden kann. Das erste Gebot moralischen Handelns lautet, andere nicht zu schädigen. Wenn die Konsequenz, Verluste einzugehen, faktisch nur auf Kosten Dritter realisiert werden kann, ist der Bereich solchen Handelns verlassen und die Freiheitslizenz im Grunde genommen verwirkt.

Für eine neue Qualität der Arbeit

In ihrer Arbeit realisieren Menschen ihre Partizipation an der Wirklichkeit Gottes und gestalten seine Schöpfung mit. Damit ist Arbeit höchst gewürdigt: in ihr kommen die Gaben der Menschen zum Tragen; Arbeit ist sichtbar gewordene Liebe. Aber diese Möglichkeit ist in den letzten Jahren immer ungleicher verteilt - insbesondere die Erwerbsarbeit unterliegt vielfachen Deregulierungen auf Kosten der Moralische Ökonomie ...Christen auf einer Wellenlänge BVEA-Rundschau 1/2012 15 Schwächsten. Prekäre Beschäftigungen und Niedriglohntätigkeiten haben sich weiter ausgebreitet und zu einer breiten Verschlechterung der Teilhabemöglichkeiten vieler beigetragen. Trotz aller ökonomischen Erfolge droht die soziale Spaltung der Gesellschaft. Zudem führt die Entgrenzung der Arbeit zu sozialen Pathologien. Es muss wieder darum gehen, die Aufmerksamkeit für die Würde und die Qualität der Arbeit in den Mittelpunkt der politischen Gestaltung zu rücken. Es geht darum nachhaltig arbeiten zu können: Mit der eigenen Arbeit sinnvoll zur Bewahrung der Schöpfung beitragen und die eigene Arbeitskraft suffizient einsetzen zu können. In der Arbeit kommt die Lebendigkeit der Menschen für sich selbst und für andere zum Tragen aber sie soll nicht aufgezehrt werden. Es braucht dringend eine neue Balance von Freiheit, Sicherheit und Solidarität in den Arbeitswelten. Sonst droht eine Reproduktionskrise der Arbeit.

Eigentum als unvertrautes Gut

Von entscheidender Bedeutung ist sodann das christliche Verständnis von Eigentum. Eigentum wird in allen christlichen Traditionen als Gabe Gottes verstanden, die Menschen und Gruppen treuhänderisch anvertraut ist. Insofern muss stets nach der Nutzung des Eigentums gefragt werden: Wofür wird Reichtum verwendet? Dient er der Vermehrung des Wohlstandes möglichst vieler, z. B. dadurch, dass durch die Reinvestition erwirtschafteter Gewinne Arbeitsplätze geschaffen werden. Wird Eigentum in einer Gesellschaft zur Sicherung des allgemeinen Wohlstands herangezogen, um Unsicherheiten, Unfreiheiten und Beeinträchtigungen für alle zu reduzieren? Oder eignen sich Eigentum nur Einzelne an? In einer solchen Sicht erteilt die Gesellschaft sozusagen Lizenzen an Einzelne, um im Interesse aller Reichtum zu akkumulieren. Sie kann aber diese Lizenzen im Fall des Missbrauchs auch wieder entziehen.

Wettbewerbsmärkte

Der wichtigste Mechanismus, um Eigentum und die Zurechnung von Verantwortlichkeit in ein sich möglichst selbst regulierendes, im Dienste aller stehendes System einzubinden, ist die Existenz von Wettbewerbsmärkten. Funktionierende Wettbewerbsmärkte können dafür sorgen, dass sich Machtballungen einebnen und alle am Markt Beteiligten letztendlich dem Konsumenten dienen müssen. Die Voraussetzung für solche Märkte ist jedoch, dass auf diesen Märkten klare Spielregeln herrschen, die alle Beteiligten dazu zwingen, ihr unternehmerisches Handeln in verantwortlicher Weise auszuüben. Es geht um wirkliche Leistungskonkurrenz und nicht um Rivalität. Denn ein freier auf sich allein gestellter marktlicher Wettbewerb als solcher zerstört ethische Motivationen, da er leicht zu einem Krieg aller gegen alle mutieren kann. Mit Walter Eucken gilt: „Vollständige Konkurrenz besteht nicht im Kampf von Mann gegen Mann, sondern vollzieht sich in paralleler Richtung. Sie ist nicht Behinderungsoder Schädigungswettbewerb, sondern ‚Leistungswettbewerb‘.“ Der Wettbewerb bleibt insofern an die Reziprozität der Beteiligten gekoppelt, daher erfahren sich Gewinner und Verlierer als Aufeinander Angewiesene und es ergibt sich aus der gegenseitigen Anerkennung der „besseren“ und „schlechteren“ Akteure im Wettbewerb Vertrauen. Zudem öffnet sich der Blick, auch von Wettbewerbern, auf das gemeinsame Ziel.

Suffizienz

Die sozialen und ökonomischen Teilbereiche der Gesellschaft entwickeln sich in Abhängigkeit von ihrer natürlichen Umwelt und sind von ihr nicht zu trennen. So wird allgemein anerkannt, dass sich der Klimawandel sehr viel dynamischer vollzieht, als vor wenigen Jahren noch angenommen wurde. Nur wenn es gelingt, schädliche Emissionen und den Ressourcenverbrauch absolut von der wirtschaftlichen Aktivität zu entkoppeln (Suffizienz vor Effizienz), ist die Begrenzung des Klimawandels möglich. Um dieses Ziel zu erreichen, muss in Frage gestellt werden, ob das Wachstum, gemessen in Form einer Steigerung des Bruttoinlandsprodukts, noch als Leitindikator einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Gesellschaft geeignet ist, sondern sich oft sogar konträr zu deren Entwicklung auswirkt. Es gibt Anzeichen dafür, dass in herkömmlicher Weise gemessenes Wachstum in den hochentwickelten Staaten nicht unbedingt zu einer Erhöhung des Gemeinwohls führt. Die Kennziffern des BIP als Maß für Wohlstand und als Maßstab für sinnvolle Politik haben objektiv ausgedient. Es braucht neue Indikatoren, die den wirklichen Wohlstand einer Gesellschaft messen.

Fazit

Bei allem, was im Sinne einer fairen und nachhaltigen Regulierung der Wirtschaft diskutiert werden kann, bleibt aus christlicher Sicht eine nicht geringe Skepsis, was die Antriebskräfte aktueller Reichtumsentwicklung anbetrifft. Die gegenwärtige Art des Wirtschaftens schafft zwar einen immer größeren Überfluss an Gütern und Dienstleistungen, vergrößert dabei aber offensichtlich den Abstand zwischen Armen und Reichen und verschwendet verantwortungslos die Ressourcen der Erde. Es braucht Veränderungen nicht nur kosmetischer Art.

 

Zusammenfassung des Referats von Prof. Wegener vom SI anlässlich der Eröffnung des Friedrich Karrenberg Hauses - von Gerhard Wegner

 

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