BVEA - Rundschau - Ausgabe 1-2012 zur Startseite -- Prekarität in Deutschland - Siegfried Aulich

“Arbeitswelt - Prekarität in Deutschland”

Seit den Sozialreformen der rotgrünen Bundesregierung ist Hartz IV ein Begriff für Verarmung in Deutschland geworden. Hartz IV ist die im Sozialgesetzbuch II ( SGBII) geregelte Grundsicherung für erwerbsfähige Hilfebedürftige. Anfang 2011 lebten etwa 6,5 Millionen Personen in Hartz -IV – Haushalten, darunter 1,8 Millionen Kinder unter 15 Jahren. Rund zehn Prozent der Bevölkerung zwischen null und 65 Jahren sind auf Hartz IV angewiesen.

Dabei hatte die Agenda 2010 unter der Regierung Schröder mit der Reform zuerst ganz andere Ziele, die Verbesserung der Situation der Erwerbslosen und deren Förderung und eine einfachere Verwaltung. Doch wurde auch mit den Reformen der Arbeitsmarkt dereguliert mit harten Fakten für die Betroffenen und auch für unsere Gesellschaft. Deutschland sollte fit für den Weltmarkt und Export gemacht werden.

Das jetzt in Deutschland viel gepriesene Jobwunder, entpuppt sich jedoch mehr und mehr als die wundersame Vermehrung von prekären und Billigjobs, wie aus einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes (19.7.11) hervorgeht. Danach waren von den 322.000 zusätzlichen Beschäftigungen im Jahr 2010, 243.000 atypische Arbeitsplätze. „Damit trug die atypische Beschäftigung gut 75 % zum Gesamtwachstum der Zahl abhängig Beschäftigter zwischen 2009 und 2010 bei.“

Unter „atypischer Beschäftigung“ werden nach der Definition des Statistischen Bundesamtes alle abhängig Beschäftigten verstanden, die eines oder mehrere der folgenden Kriterien aufweisen: Befristung, Teilzeitbeschäftigung mit 20 oder weniger Stunden, Zeit- / Leiharbeitsverhältnis, geringfügige Beschäftigung.
Die Zunahme atypischer Beschäftigung zwischen 2009 und 2010 wiederum ist hauptsächlich auf den Zuwachs von Personen in Zeitarbeitsverhältnissen zurückzuführen. Kurzum, als prekär gelten Arbeitsverhältnisse, wenn ihnen im Vergleich zum Normaljob etwas Wichtiges fehlt: Der Lohn kann die Existenz nicht sichern; die soziale Absicherung und die üblichen Arbeitnehmerrechte wie Kündigungsschutz oder Betriebsratswahlrecht sind eingeschränkt beziehungsweise gar nicht vorhanden; eine Integration in soziale Netze der Arbeitswelt ist unmöglich. Insgesamt dürften über fünf Millionen Menschen, rund 15 Prozent der Beschäftigten, betroffen sein.

Hartz IV trotz Arbeit

Nährboden für das so genannte Prekariat ist die Zunahme von Arbeitsverhältnissen, die nicht dem traditionellen Standard entsprechen: Prekäre Beschäftigung ist demnach kein Randphänomen mehr. Rund 2,5 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in Befristungen. Fast 5 Millionen verdienen ihr Geld mit Minijobs. 650.000 sind Leiharbeiter.

Die Europäische Union zieht die „Lohnarmutsgrenze“ bei 50 Prozent des durchschnittlichen Vollzeiteinkommens eines Landes. Danach beziehen insgesamt etwa 3,4 Millionen Beschäftigte in Deutschland Armutslöhne, 43,1 Prozent der armen Erwerbstätigen üben ein „Normalarbeitsverhältnis“ aus, arbeiten also mindestens 30 Stunden in der Woche. Rund 10 Prozent der Erwerbstätigen hätten zwar ein eigenes Einkommen, das über der Armutsgrenze läge, wenn sie allein wären; sie müssen aber weitere Familienmitglieder mitversorgen - die oftmals selber arbeitslos sind.

Getrennt für das unterschiedliche Lohnniveau von West- und Ostdeutschland berechnet, kommt das WSI (Wirtschafts - und Sozialinstitut der Gewerkschaften) auf 12,1 Prozent der Vollzeitbeschäftigten im Westen und 9,5 Prozent im Osten , die so genannte Armutslöhne beziehen - insgesamt etwa 3,4 Millionen Beschäftigte. Rasant angestiegen ist auch die Zahl der Minijobber. 6,9 Millionen Personen sind geringfügig beschäftigt, davon 4,9 Millionen ausschließlich in Minijobs. Zusammenfassend kann man sagen, dass all die unsicheren, prekären Formen der Beschäftigung einerseits zweifellos den Arbeitsmarkt flexibilisiert haben, aber andererseits haben sie die Gefahr der Verarmung trotz Arbeit entscheidend verschärft.

Siegfried AulichDamit muss die Annahme und die Aussage, dass Armut grundsätzlich ausschließlich durch Arbeitslosigkeit bedingt ist, deutlich korrigiert werden. Nicht nur Armut, sondern erst recht Armut trotz Arbeit ist ein Skandal. Die Kirchen und die Wohlfahrtorganisationen sollten bei dieser Entwicklung ihr Engagement nicht allein nur zur Linderung von Armut und Hilfe bei prekären Lebenslagen begrenzen. Die soziale Ungerechtigkeit hat wirtschaftliche und sozialpolitische Ursachen.

 

Bild und Artikel: Siegfried Aulich, Sozialsekretär Dipl. Religionspädagoge FH Evangelische Landeskirche in Baden Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt Evang. Arbeitnehmerschaft

 

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