BVEA - Rundschau - Ausgabe 1-2012 zur Startseite -- Glauben - Dr. Christian Homrichhausen

Wir sollen nicht mehr Unmündige sein

Wie auf Wellen hin und her geworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre im Würfelspiel der Menschen, in der Verschlagenheit zur Schliche des Irrwahns. (Eph 4, 14)

Glasfenster - gesehen von Doris Pfeiffer

Der Autor des Epheserbriefes benutzt das Wort „Welle“ als Metapher. Die Welle ist für ihn ein Bild für die Ziellosigkeit, Verwirrung und Verschlagenheit, die Menschen bestimmen können. Diesem Bild hat der Traktatschreiber vorher das Bild von der Einheit im Glauben und der Erkenntnis entgegengesetzt. Dazu tragen Menschen unterschiedlicher Gaben und Aufgaben in der Gemeinde bei.

Eine moderne Variation dieses Wortspiels begegnet in dem Roman von Morton Rhue mit dem Titel „Die Welle“ (1981). Anhand einer Klasse, die sich mit dem Thema Nationalsozialismus beschäftigt, wird gezeigt, wie einfach es für den Lehrer ist, eine Gruppe mit einfachen Anweisungen und Ideen für sich zu gewinnen. Selbst der Klassenschwächste macht begeistert mit, weil er sich aufgenommen und anerkannt fühlt. Die Organisation verselbständigt sich. Schüler, die sich der Mitgliedschaft verweigern, werden verprügelt. Die „Welle“ ist Metapher für die Funktionsweise des Nationalsozialismus, seine Verschlagenheit und seinen Irrwahn. Kritik und Meinungsfreiheit haben keine Chance.

Das Wort „Welle“ ruft Erinnerungen an die Gewalt des Wassers, entsetzliche Naturkatastrophen hervor und die Hilflosigkeit der Menschen. Die Meere als Verkehrswege mit Schiffen zu nutzen, ist Ausdruck für den Willen des Menschen, sich die Natur dienstbar zu machen. Der Untergang der Titanic 1912 versteht der Hollywood-Regisseur James Cameron als Beispiel für die Hybris der Menschen, die meinten mit Schiffen, die groß genug sind, gefahrlos die Meere überqueren zu können. Als Regisseur des Films „Titanic“ (1997), Physiker und Taucher zum tiefsten Punkt der Weltmeere argumentiert er gegen die Auffassung, mit einer umfassenden Technologie die Natur endgültig beherrschen zu können. Einsicht in das Menschenmögliche, Umsicht und Aufklärung sind wirksame Mittel gegen menschliche Hybris.

Der Autor des Spruches nennt Personen, die in der Gemeinde für Belehrung und Kritik sorgen. Er wehrt dem Hochmut der Menschen, indem er alle Aktivitäten der Gemeinde dem Wachstum in der Liebe zu Christus, dem gemeinsamen Herrn unterstellt. Im Evangelischen Gesangbuch findet man das Schiff, das ruhig fährt, als Bild für Maria, die Jesus zur Welt bringt (EG 8). Die Christusförmigkeit des Glaubenden ist das Ziel des Liedes. Die Gemeinschaft wird in dem Lied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ (Martin Gotthard Schneider, 1960) in den Mittelpunkt gestellt. Es verknüpft die Naturgewalten und die Zweifel der Passagiere miteinander. „Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr, Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg, so fährt es Jahr um Jahr.“ Die Mitmenschlichkeit der Glaubenden lobt das Lied: „Und wenn uns Einsamkeit bedroht, wenn Angst uns überfällt: Viel Freunde sind mit unterwegs auf gleichen Kurs gestellt. Das gibt uns wieder neuen Mut, wir sind nicht mehr allein.“ (EG Bayern/Thüringen 589, 1.5).

Die kirchlichen Hauptfeste mögen den gemeinsamen Kurs der kirchennahen und kirchlich distanzierten Volkskirchenchristen und ihre Wellenlänge beschreiben.

Die vierte EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft hat differenzierend auf die Kongruenz von Lebensstil und Kirchenmitgliedschaft aufmerksam gemacht. Der gleiche Kurs von Christen ist von Faktoren abhängig, die über das Faktum des Gottesdienstbesuches hinausgehen. Die Freizeitaktivitäten der meisten Kerngemeindemitglieder werden von Nachbarschaftskontakten, Theater- und Konzertbesuchen bestimmt; man ist für andere da, lebt naturverbunden, pflegt einen gehobenen Lebensstandard und engagiert sich. Von kulturellen Vorlieben der Jugendlichen grenzt man sich ab.

Die Welle des Zeitgeistes

Man ist im Durchschnitt 63 Jahre alt und präferiert die CDU/CSU. Neben diesen kirchennah und religiös orientierten Menschen gibt es einen nicht unwesentlichen Anteil von Gemeindegliedern, die wenig religiös, aber kirchennah sind und in das moderne Arbeitnehmermilieu gehören. Sie sind vorwiegend männlich, haben einen Altersdurchschnitt von 42 Jahren, bevorzugen die SPD, zeichnen sich durch Aktivitäten im Do-it-yourself-Bereich aus, sind naturverbunden, nachbarschaftlich orientiert und pflegen eine Nähe zu jugendkulturellen Formen der Freizeitgestaltung. Einerseits wird eine Integration in die Kirche gewünscht, andrerseits bestehen aber nicht unerheblich Diskrepanzen zwischen den eigenen und kirchlich vermittelten Wertvorstellungen.

Sicherlich kommt es nicht darauf an, Elemente der Lebensstile für die Gewinnung von Kirchenmitgliedern zu instrumentalisieren. Eher prüfen die Gemeindeglieder selbst, was gut ist, dem Leben dient, die Einheit des Glaubens fördert und die Erkenntnis der Fülle der Gaben Christi zur Reife bringt, um nicht von den Wellen des Zeigeistes hin- und hergeworfen zu werden.

Dr. Christian Homrichhausen, Präses des BVEA

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