BVEA Archiv 1-2009| Archiv 1-2009 aus den Landesverbänden |
BVEA - Rundschau Ausgabe 2009-1 - Anmerkung zum 1. Mai - Klaus Reinhardt zur Startseite

Die Kirchen und der 1. Mai

Der Sozialismus führte in beiden christlichen Kirchen zu Reformen in der Arbeiterfrage

Ökumenisches Zentrum St. IdaStimmt das? Gelernt haben wir doch: der Erste Mai ist gesetzlicher Feiertag in zahlreichen Ländern. Beschlossen wurde er 1889 auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale („Arbeiterassoziation der sozialistischen Parteien“) als „Kampftag der Arbeit“ und 1890 erstmals mit Massendemonstrationen in den Industriestädten begangen. 1933 wurde der Feiertag im Deutschen Reich zum „Tag der nationalen Arbeit“ umbenannt und von der Deutschen Arbeitsfront entsprechend propagandistisch gestaltet. Nach 1945 wurde der Erste Mai in den sozialistischen Ländern - einschließlich der DDR - als „internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen“ ausgerufen.

Einer Antwort kommen wir näher, wenn wir auf die Sozialenzyklika „Rerum novarum“ von Papst Leo XIII. aus dem Jahre 1892 zurückgreifen. Dieses lehramtliche Rundschreiben hebt kritisch gegen den Liberalismus die regulierende Staatsintervention hervor und bejaht gegen den Sozialismus das Privateigentum

Dieser Papst entwickelte damit eine offizielle „Kirchliche Sozialehre“. Im 19. Jahrhundert gab es nach und nach in allen Industrieländern soziale Reformen. Einzelne Christen und kleine Gruppen versuchten das Christentum neu zu definieren und zu praktizieren, d.h. den Bedingungen des Industriezeitalters anzupassen. Die Auseinandersetzungen mit dem Liberalismus und erst recht mit dem Sozialismus führten in beiden christlichen Kirchen zu Reformen in Richtung der Soziallehre bzw. der Arbeiterfrage.

Josef, der Zimmermann aus Nazareth, bleibt immer im Hintergrund

Für die Sozialisten scheidet die Kirche als Partner für die Beseitigung des proletarischen Elends aus. Die Arbeiter sollen auf keinen Fall durch eigene Umsturzversuche für die Verbesserung ihrer Lebensumstände kämpfen, sondern sich als katholische Gläubige der Fürsorge des Heiligen Josef anvertrauen. Jedes Jahr, wenn wir die Weihnachtsgeschichte hören, begegnen wir Josef als Vater Jesu. Josef, der Zimmermann aus Nazareth, bleibt aber immer im Hintergrund. Die Evangelien überliefern keine einzige verbale Äußerung von ihm. Im Neuen Testament wird sein Name nur 15 Mal genannt. Bis ins Mittelalter bleibt er im Abendland ein Unbekannter. Erst 1479 wird ihm im Kalender der Heiligen ein Tag zugewiesen: der 19. März.

Von Papst Gregor XV. wird das Fest ein verbindlicher Feiertag für die gesamte Kirche. 1870, zu Beginn des 1. Vatikanischen Konzils, erhebt Papst Pius IX. Josef zum Patron der Kirche. Danach wird Josef als Gegenfigur der Führer der revolutionären Arbeiterbewegung gepriesen.

Man knüpft an die biblische Charakterisierung Josefs als ein Gerechter an und empfiehlt den Gläubigen rechtschaffend zu sein, für Unrecht keine Rache zu nehmen, schonend zu schweigen und unter Umständen für andere Menschen Mühe und Opfer zu übernehmen.

Nach dem 2. Weltkrieg wird der Heilige Josef gegen den Kommunismus ins Feld geführt. Papst Pius XII. setzt am 1. Mai 1955 das Fest „Josef der Arbeiter“ ein, um den Tag, den die Welt der Arbeit sich als eigenes Fest auserkoren hat, die christliche Weihe zu geben und zu einer stets wiederkehrenden Einladung an die moderne Gesellschaft werden zu lassen.

Der 1. Mai soll von nun an nicht mehr Ursache für Protest und Gewalt sein, sondern ein Tag des Jubels über den greifbaren und fortschreitenden Triumph der christlichen Ideale.

In Deutschland ist nach Art. 140 desGrundgesetzes (Art. 139 Weimarer Verfassung) garantiert: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“.

Feiertage vermitteln Geborgenheit gegenüber der Alltagswelt

Die Anerkennung der Feiertage ist jeweils eine Angelegenheit der Bundesländer. Dadurch sind infolge des konfessionellen Proporzes der Bevölkerung in einzelnen Ländern unterschiedliche Regelungen erfolgt.

Die Feiertagsruhe ist ist also ein Recht.

Nach biblischer Überlieferung müssen die Menschen über ein ausreichendes Maß an Ruhe und Freizeit verfügen, um ihr familiäres, kulturelles, soziales und religiöses Leben zu pflegen (Sabbat, öffentlicher Ruhetag für den Menschen als Geschöpf Gottes).

Im modernen Prozess der Verweltlichung und Ökonomisierung kommt der ursprünglich religiöse Charakter vieler Feste und Feiertage kaum noch zu Bewusstsein.

Zu einem Fest bzw. besonderen Feiertag können gehören:

Bestimmte Kleidung, Umzüge, mitgeführte Fahnen oder Transparente, Musik, Lieder und Ansprachen. Sie bilden stets eine besondere Form der Kommunikation und Begegnung mit Bekannten oder auch fremden Menschen. Damit bieten solche Feste Bestätigung, Stärkung und Erneuerung der feiernden Gemeinschaft sowie Gelegenheiten für die Eingliederung des Individuums in die Gesellschaft. Feste und Feiertage vermitteln somit Geborgenheit und Orientierung gegenüber der Alltagswelt.

Die Päpste konnten nicht verhindern, dass die Spannung zwischen dem Vorbild Josefs als gehorsamer Diener und einer grundlegenden Sozialethik bestehen bleibt, die den Arbeitern bis heute das Recht auf Selbstverteidigung gegen ungerechte Behandlung einräumt.

Im Hinblick auf die Koalitionsfreiheit der Arbeitnehmer und die gegenwärtige Rolle der Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, der politischen Parteien und der Institutionen des Staates ist es doch beruhigend, dass uns der 1. Mai als Feiertag der Arbeit erhalten bleibt - auch ohne Fürsprache des Heiligen Josef!

Klaus ReinhardtKlaus Reinhardt, Stv. Vorsitzender RAKÜ e.V., Hamburg

nach oben

zum Seitenanfang - BVEA - Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.
Bundesvorsitzender Bernhard Dausend - stellvertretender Vorsitzender, amtierender Vorsitzender
bvea@bvea.de
©BVEA Internetseiten 2001-2015 Deutschland | Stand 18.06.2015
Der BVEA ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich - siehe Impressum
Nachdruck und andere Veröffentlichungen der hier genannten Artikel und gezeigten Bilder sind nur nach vorheriger Genehmigung des BVEA erlaubt!

Über uns | Landesverbände | Aktuelles BVEA | Aktuelles aus den Landesverbänden | Pressemitteilungen | Impressum |

Startseite BVEABundesverbandLandesverbändeAktuellesRundschauArchiv

Suche: