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BVEA - Rundschau Ausgabe 1- 2009 - small logoaus den Landesverbänden - EAB-NRW „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ Reinhard Ziegler

Denkmodelle

Ich bekenne frei, dass mir in einer kapitalistischen Welt eine leidende, opponierende Kirche fast à priori eine Notwendigkeit erscheint - Max Scheler, deutscher Philosoph, 1874-1928

Seglerin-Müggelsee Bild Elke LartzIm September 1995 fand im noblen Fairmont-Hotel hoch über San Francisco ein denkwürdiges Treffen statt. Michail Gorbatschow, damals schon außer Dienst, hatte die Macht- und Wissenselite der Welt zu einem dreitägigen Gedankenaustausch über nicht weniger als die Zukunft der menschlichen Zivilisation im 21. Jahrhundert eingeladen. An die 500 Politiker, Wirtschaftslenker und Wissenschaftler reisten an. Die Denkergebnisse eigneten sich nicht für die breite Publikation (Medienvertreter waren ohnehin nur handverlesen zugelassen), passten sie doch so gar nicht zu den Millenniumszielen der UN und dem Berufsoptimismus amtierender Staatsführer.

Das Industriezeitalter mit seinem Massenwohlstand ist nicht mehr als ein Wimpernzucken in der Geschichte der Ökonomie - stellt der Zukunftsforscher John Naisbitt unter allgemeiner Zustimmung fest. Eine 20 zu 80-Weltgesellschaft werde sich unausweichlich herausbilden. 20% Eliten und anspruchsvoll Beschäftigte stünden 80% gering bezahlten oder untätigen Habenichtsen gegenüber, die mit ausreichend Lebensmitteln und betäubender Unterhaltung ruhig gestellt werden müssten. Zbigniew Brzezinski, Berater des ehemaligen US-Präsidenten Carter, hat dafür den Begriff „Tittytainment“ geprägt. Natürlich ist dies eine Horrorvision, aber die Frage nach ihrer Realitätsnähe ist damit nicht beantwortet. Immerhin trafen sich in San Francisco keine Fantasy-Finsterlinge à la James Bond, sondern milliardenschwere Manager mit immensem politischem Einfluss.

Die Verfasser der Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“ der EKD aus dem Jahre 2008 segeln zumindest rhetorisch in ruhigerem Fahrwasser. Sie halten Kurs und ecken nirgendwo an auf dem sicheren Mainstream veröffentlichter Meinung. In allen gesellschaftlichen Prozessen der Gegenwart entdecken sie Risiken und Chancen und sind um eine paritätische Darstellung derselben bemüht.

Die Anforderungen an unternehmerisch Tätige werden in der Zukunft nicht abnehmen. Die Notwendigkeit, in immer kürzerer Zeit neue Produkte und Dienstleistungen auf den Markt zu bringen und zu ihrer Erstellung Unternehmensabläufe beständig umzubauen und zu optimieren, bleibt auf Dauer bestehen. Entsprechend wachsen die Erwartungen nicht nur an Eigentümer und Manager, sondern auch an Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, sich selbst unternehmerisch zu begreifen und entsprechend zu verhalten - was auch die Übernahme von Risiken beinhalten kann, die den einzelnen oft überfordern. Die damit einhergehenden Belastungen für alle Beteiligten lassen sich am besten in einer Kultur des Vertrauens auffangen, die unternehmensintern gelebt und auch nach außen weitergegeben wird.

Eine Absage an die weltumspannende Ideologie des „Immer Mehr - Immer Weiter - Immer Schneller“ ist dies eindeutig nicht. Die Berufung auf Max Weber, der Protestantismus und Kapitalismus in einen engen, sich nicht widersprechenden Zusammenhang gebracht hat, lässt eher vermuten, dass man sich als Steigbügelhalter im globalen Wagenrennen zur Verfügung stellt, der lediglich die Sporen ein wenig zu entschärfen trachtet.

Abgefedert, nicht verlangsamt, werden soll der Wettlauf also durch eine Kultur des Vertrauens, die unternehmensintern gelebt und nach außen weitergegeben wird. Vertrauen kann sich aber nur bilden im Innehalten und Aufeinanderzugehen. In dieser Verschnaufpause läuft der Wettbewerber weiter, und man muss danach zur Aufholjagd ansetzen. Und an wen sollte die Kultur des Vertrauens, sprich soziale Marktwirtschaft, weitergegeben werden? Im Ursprungsland verliert sie an Substanz und bei den möglichen Empfängern würde sie die Zuwachsraten schmälern - jedenfalls nach Einschätzung der dortigen Führungen.

Die Unternehmensabläufe beständig umzubauen und zu optimieren bedeutet praxisbezogen Rationalisierung, Einsparung, Verlagerung. Die daraus erwachsenden sozialen Verwerfungen machen den Aufbau einer Kultur des Vertrauens ebenso unmöglich. Die Ermunterung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sich selbst unternehmerisch zu begreifen und entsprechend zu verhalten, ist im Kern eine späte Verbeugung vor Friedrich August von Hajek und Milton Friedman, die eine Selbstausbeutung jedes Einzelnen als Grundlage der Marktallmacht ansahen. Der immerwährende und sich verschärfende Wettbewerb produziert Gewinner und Verlierer, wobei er in der Tat keinen Unterschied macht zwischen abhängig Beschäftigten und selbständig Tätigen. Ein Austausch zwischen den Abgehängten und den oben Angekommenen findet immer seltener statt.

Die vorliegende Denkschrift hat die Widersprüche in der menschlichen Zivilisation am Beginn des 21. Jahrhunderts zwar nicht ausdrücklich thematisiert, aber andererseits auch den Blick in die ökonomischen, ökologischen und sozialen Sackgassen, in die wir hineinrasen, auch nicht versperren können. Am Ende lässt sich durchaus herauslesen, dass man sich von der Einschätzung der Pragmatiker aus San Francisco so weit nicht entfernt sieht und nur darauf hofft, es möge nicht gar so schlimm kommen.

Reinhard Ziegler, EAB Nordrhein-Westfalen

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