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„Hang zum Höheren“ ist das Problem

Gott löschte die gegen uns zeugende Schuldschrift aus, die mit ihren Vorschriften gegen uns stand, und räumte sie aus dem Weg. (Kol. 2,14)

Schriftzug Bank-gesehen in Lankwitz - Bild Elke LartzDer Vers, der zugleich der Monatsspruch für April ist, lässt das Thema von Ostern hell aufleuchten. Die inneren und äußeren Mauern sind niedergebrochen und ein neuer Weg kann beschritten werden. Martin Luther hat in seiner Vorrede zur Auslegung des Kolosserbriefes durch Melanchthon im Jahr 1529 die Lage der Adressaten kurz und eindrücklich charakterisiert. Der Brief ist an Menschen gerichtet, die des „Himmelsbrotes“ überdrüssig geworden sind und nun „Zwiebeln“ und „Knoblauch“ „Ägyptens“ wieder genießen wollen. Die Folgen können nach Luthernur Not und Angst sein. Davon gibt der Brief tatsächlich Zeugnis.

Im Jahr 60 n.Chr. war die Stadt Kolossae durch ein Erdbeben zerstört worden. Die Wiederaufbauarbeiten hatten begonnen. Zu den Überlebenden zählte auch eine Hausgemeinde, für die am Schluss des Briefes Grüße aufgetragen werden. Paulus hat die Gemeinde nicht selbst gegründet. Der Brief nennt aus Kolossae Onesimus und Epaphras als seine Mitarbeiter. Die Nachwirkungen des Bebens waren sowohl in der Gefühlslage der Menschen als auch im Erscheinungsbild der Stadt und in ihrer Umgebung präsent. Dankbar wird von dem Briefschreiber die wechselseitige Liebe und Anteilnahme hervorgehoben und die Hoffnung der Gemeinde auf die Macht Gottes, durch die sie Kraft, Geduld und Ausdauer in dieser schweren Zeit auszeichnete. Nicht jeder war bereit in der Not zu helfen. Laodicea, in der auch Epaphras gewirkt hatte, war eine wohlhabenden Stadt geworden, aber durch ihren Reichtum gegenüber der Not der anderen gleichgültig geworden.Ihre Bewohner entzogen sich, verhielten sich gleichgültig und waren den Bedürftigen gegenüber eher verschlossenals offen. Die „Befriedigung des Fleisches“ dominierte (vgl. Kol. 2, 23). Außerdem hatte das Erdbeben die Angst vor dem Wirken der Gewalten und Mächte, den Naturgewalten, vor dem Zorn nicht ausreichend beachteter Wesen zwischen Himmel und Erde und vor eventuellen Verstößen gegen die Bundesverpflichtungen der Thora verschärft. Diese Mächte und besonders ihre Missachtung konnten in höchstem Maße negative Wirkungen auf das Leben der Menschen hervorrufen.

Das Wort „Schuldschrift“ im Vers verweist auf finanzwirtschaftliche Zusammenhänge. Der Text spielt auf die antike Praxis an, dass ein Herrscher einen geregelten Schuldendienst erlassen konnte. Schließlich war nicht jedes Schuldverhältnis auf persönliches Versagen zurückzuführen und manchmal empfahl sich auch die Barmherzigkeit des Herrschers. Naturkatastrophen, Verlust der Einkommens- und Unterhaltsquellen konnten Verursacher sein. Ein Vergleich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise drängt sich auf; denn ihr systemischer Charakter verweist ebenfalls auf transindividuelle Zusammenhänge.

Schuldschrift ist der finanzwirtschaftliche Hinweis

Die plötzlich eingetretene Zahlungsunfähigkeit oder herabgesetzte Zahlungsfähigkeit von Banken wird von den Menschen im Großen und Ganzen als nicht persönlich verursacht empfunden. So werden z.B. Menschen, die einen unverhältnismäßigen Wertverlust ihres Depots zu verzeichnen haben auf allgemeine finanzwirtschaftliche Zusammenhänge verwiesen oder im Falle eines vollständigen Verlustes kann geltend gemacht werden, dass die Anlage bei einer Bank erfolgte, die nicht in den Genuss einer staatlichen Rettungsaktion gekommen ist. Die politisch Verantwortlichen sind also gefordert. Die Krise hat eine Reihe von Fehlleitungen ins Bewusstsein gerückt, zu denen gezählt werden können: Fehleinschätzungen von Risiken und eine mangelnde Kontrolle, ein in manchen Bereichen nicht mehr angemessenes Verhältnis von Lohn und Leistung sowie eine nur noch schwer und manchmal gar nicht mehr verstandene Verselbständigung finanzieller Geschäfte von der Realwirtschaft.

Dr. Christian HomrichhausenDer Kolosserbrief spricht im Rahmen seines Weltbildes davon, dass die bedrohlichen transindividuellen Gewalten durch Jesus Christus entmachtet worden sind, so dass Menschen, die mit Christus unmittelbar verbunden sind, diese Gewalten zwischen Erde und Himmel nicht mehr zu fürchten brauchen. Die Spitze dieser Argumentation liegt offensichtlich in der besonderen Beziehung zwischen Christus und den Christen, durch die Verhaltensweisen aktualisiert werden, die denen widerstehen oder sie sogar ersetzen können, die wohl unterschiedliche individuelle Ausprägungen haben, aber doch allgemein und schädlich sind. Einige dieser negativen Verhaltensweisen begegnen auch in den Deutungen der Finanzkrise: Habsucht, böse Begierde (Kol. 3,5) und die Unfähigkeit Abstand zu nehmen, d.h. kritisch zu prüfen. Damit wird die Verantwortung jedes einzelnen Menschen für die Vermeidung kollektiv erfahrbaren Unheils in den Mittelpunkt gestellt. Dem entsprechend lädt die Osterbotschaft des Briefes zu einer Lebensführung ein, die Menschen satt macht, ohne dass sie sich selbst oder anderen Gewalt antun müssen.

Dr. Christian Homrichhausen, Theologischer Berater des BVEA

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