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Glauben

 

Wir sind der "reiche" Norden

Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. (Lukas 13, 29)

Dr. Walter Sohn, Theologischer Berater des BVEAIst dieses Bild von der großen Wallfahrt der Menschen aus den vier Himmelsrichtungen der Erde ein Traum? Oder eher ein Albtraum?

Jesus ist auf dem Weg "durch Städte und Dörfer ... hinauf nach Jerusalem", - auf der Straße also, auf der Jahr für Jahr Tausende von Juden aus anderen Ländern ihre Wallfahrt zum Passahfest machen. In diesem Jahr wird das auch sein Weg sein, - aber nicht zu dem großen, frommen Fest, sondern zum Tode am Kreuz.

Unterwegs fragt ihn einer am Straßenrand: "Wird Gott alle Menschen in das Himmelreich aufnehmen oder werden es nur wenige sein?" Jesus gibt auf diese Frage keine klare Antwort. Aber er antwortet mit ein paar Bildern und Gleichnissen, die wenig Hoffnung machen. Darum überschreibt unsere Lutherbibel diesen Textabschnitt: "Von der engen Pforte und der verschlossenen Tür".

Nur einen einzigen Lichtblick gibt es in diesem Text, und das ist der zitierte Vers: Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.

Aber wer wird da kommen? Werden es viele sein? Gar alle Menschen aus allen Richtungen dieser Erde? Oder eben doch nur ein paar Auserwählte? Weil der Zugang zum Reich Gottes doch so schwer und mühsam ist! - Vielleicht würde uns ja eine genaue Zahlenangabe, eine Erfolgsprognose für die christlichen Missionsbemühungen nur wenig helfen oder uns gar völlig in die Irre führen.

So viel ist jedenfalls deutlich: Der Vers beschreibt ein Geschehen, das ganz anders aussieht als das, was gegenwärtig passiert. Die Hoffnung von der großen Wallfahrt der Völker hinauf zum Tempel in Jerusalem, zur gemeinsamen Verehrung des Gottes Israels und zur Ausrufung des Gottesfriedens auf dem ganzen Erdball ist eine alte Hoffnung in der Glaubensgeschichte des Volkes Israel: in der Predigt der Propheten wie in den Gebeten und Liedern der Psalmen. Und zwar gerade immer dann, wenn die Lage Israels wieder einmal ganz besonders bedrohlich ist.

Hunger und Ungerechtigkeit der Grund für den Marsch der Menschen aus Süden und Osten

Ja, aus allen Himmelsrichtungen marschieren die Völker auf Israel und Jerusalem zu. Doch nicht mit Palmzweigen in den Händen, nicht mit frommen Wallfahrtsliedern und Opfergaben für den Tempel, sondern mit Waffen und bösen Absichten: die Kanaanäer, Babylonier und Assyrer, Ägypter und Perser, und schließlich die Römer, unter denen das Volk der Juden über die ganze Erde zerstreut wird. Und an der ständigen Bedrohung dieses Volkes hat sich ja bis heute nichts geändert. Die alten Hoffnungspsalmen sind unverändert aktuell geblieben, - die Hoffnung auf eine vollständige Umkehrung der Verhältnisse, auf eine Welt der Versöhnung und des Friedens.

Und wie steht es mit unseren Hoffnungen? - Wir Christen in Deutschland, in Europa zählen zu denen, die aus dem Norden kommen. Zu denen, die zusätzlich und völlig unerwartet von Gott eingeladen wurden, mit an seinem Tisch zu sitzen und zu seinem erwählten Volk zu gehören.

Für die große Mehrheit der Menschheit aber, vor allem im Süden und im Osten, sind wir heute "der reiche Norden". Wir gehören zu denen, die alles haben, was die anderen Menschen entbehren; die den größten Teil der Schätze dieser Erde für sich beanspruchen, zwei Drittel der Energievorräte verbrauchen und dem Rest der Welt auch noch die Gesetze des wirtschaftlichen Handels diktieren.

Und deshalb hat die Völkerwanderung auch längst wieder eingesetzt, aus dem Süden wie aus dem Osten. Gewiss kein Traum, aber ein Albtraum für uns! Darum schirmen wir uns ab, so gut wir können: mit leibhaftigen Mauern wie der zwischen den USA und Mexiko, mit Stacheldraht um die spanischen Exklaven in Nordafrika, mit Bundesgrenzschutz und Schengener Abkommen, mit Internierungslagern und rigoroser Abschiebepraxis und vor allem mit zunehmender Fremdenangst und Ausländerfeindlichkeit.

Wenn dieser Bibelvers wirklich eine Verheißung sein soll, eine große Hoffnung für uns und alle Menschen der Erde, dann müssen sich die Dinge wohl wieder einmal von Grund auf ändern. Dann dürfen nicht länger Hunger und Ungerechtigkeit der Grund für den Marsch der Menschen aus Süden und Osten sein, die hier bei uns auf Abwehr und die Angst um Besitz und Wohlstand stoßen. Dann muss es vielmehr der gemeinsame Weg der Gerechtigkeit und des Friedens sein, der uns aus allen Himmelsrichtungen zusammenführt im gemeinsamen Ziel.

Es gibt heute immer mehr Anzeichen dafür, dass wir dazu überhaupt keine Alternative haben. Wir sind zu gemeinsamen Anstrengungen gezwungen, in denen es darum geht, die Entwicklungen zu verändern und die Trends umzukehren.

Aber ob wir das schaffen werden?

Gott lädt ein: uns und alle anderen Menschen

Nun ist in diesem Vers ja nicht von unseren Bemühungen die Rede, sondern von der großen Einladung Gottes, von der Verheißung seines Reiches. Und es ist nicht von schwerer Arbeit und hartem Verzicht die Rede, sondern von gemeinsamem Essen und Trinken, von einem großen Fest, von dem niemand ausgeschlossen sein wird.

Gott lädt ein: uns und alle anderen Menschen. Und alle werden kommen. Das ist nicht nur ein Traum, den wir vielleicht alle heimlich träumen (vor allem für unsere Kinder und Enkel), und erst recht kein Albtraum! Sondern eine Verheißung, ein Versprechen, das Gott selbst uns gibt: "Es werden kommen .... " Es ist ja kein Zufall, dass uns bei dieser Formulierung sofort das Abendmahl einfällt, das wir miteinander feiern:... zu sitzen am Tisch des Herrn ... Im Abendmahl haben wir schon heute ein Zeichen dafür, eine Anzahlung davon, was kommen wird, wenn Gottes Reich endgültig anbricht.

Und deshalb sprechen wir in jedem Gottesdienst erneut die Bitte des Vaterunsers aus: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden". Wenn dieser Tag kommt, dann wird er alle Menschen in Bewegung setzen. Und dieser Weg Gottes mit uns soll schon hier und jetzt die Prioritäten unseres Handelns bestimmen.

Dr. Walter Sohn
Theologischer Berater des BVEA


Dr. Walter Sohn wird im Februar aus dem Vorstand des BVEA ausscheiden. Auf diesem Wege ein herzliches Dankeschön für seine trefflichen Beiträge in dieser Rundschau; in der Zukunftsdiskussion für seine Besonnenheit, wo Aufregung Platz nahm.

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