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EAB NRW

Evangelische Arbeitnehmer-Bewegung Nordrhein-Westfalen


Polen ist anders

Nicht wenige versuchen den Sprung nach England oder Schweden
 

Polnische Kohlenlieferung aus Wrozlaw für Berlin im Schiffshebewerk Niederfinow - Bild Elke LartzEs ist immer anders, als man es sich vorstellte, als man gehört und gelernt hat, als man dachte nach allem, was geschehen ist, und man befürchtet bei allem, was zur Zeit ängstigt.

Acht Tage voller Überraschung, Erschrecken und Staunen. 30 Teilnehmer einer Studienreise der EAB NRW durch West- und Südpolen hatten viel zu verarbeiten. Polnische Reisebegleiter - Josef, Christina, Pawel, Agatha - junge und alte Jahrgänge in Breslau, Oberschlesien, in Krakau und im Riesengebirge.

Sie erzählten Geschichte auf polnisch. Polen gezeichnet von Okkupation und Vertreibung. Ein Volk im Mittelpunkt Europas, immer ein Opfer europäischer Machtstrategien seit 1.000 Jahren; herabgewürdigt zu Vertriebenen und Vertreibern, immer kämpfend um seinen Bestand und seine Identität. Die Polen sind stolz geblieben, sie blieben sich treu in Geschichte, Kultur und Religion. Das nötigt Respekt und Bewunderung ab.

Ein junges Land, pulsierend mit offenen Kirchen

Die Begegnung mit Polen war mehr als eine Studienreise. Es war ein Horchen und Schauen, ein unerwartetes Entdecken und oft ein Schweigen, um nicht vorschnell etwas einzuordnen, was man gerade erst im Begriff war zu verstehen.

So Christina, vertrieben aus Lemberg, zwangsumgesiedelt nach Breslau. Heute führt sie durch die Stadt. Sie kennt sie und hat sie angenommen, doch der Schmerz der Vertreibung ist nicht zu überhören. Zu Freunden sind die Russen nie geworden, auch nicht die Deutschen. Wie auch? Aber man ist freundlich, wenn Grenzen sich öffnen.

Breslau strahlt wieder, die Lebensfreude der Jugend explodiert rund um den Markt. Dahinter gähnen noch finstere Höfe und traurige Fassaden. Aber es wird zusehends besser.

Oberschlesien zeigt noch immer den Schmutz und die Entstellung einer ausgebeuteten Region von Kohle und Stahl. Überwiegend junge Menschen drängen durch die Straßen. Kohle ist wieder gefragt. Man könnte depressiv werden vor lauter Verkommenheit und Hässlichkeit der Orte. Aber Leben hat auch eine materielle und nicht nur ästhetische Seite. Der Sloty wird zusehends stärker.

Die Kaufkraft steigt. Die Arbeitslosigkeit auch; mit 18,1 % die höchste in den Mitgliedsstaaten der EU. Kolchosen haben desozialisierte Menschen hinterlassen. Für viele verläuft das Leben an der Armutsgrenze. Schwarzarbeit ist unvermeidlich. Nicht wenige versuchen den Sprung nach England oder Schweden.

Doch die Ahnung des Schönen leuchtet durch den Nebel

Und dann Krakau. Die Stadt des Papstes, die patriotische Stadt, die nationale Hochburg. Sie gehört nicht mehr zum Westen. Hier spricht man nur polnisch oder englisch. Vor dem Holocaust ein Zentrum jüdischer Kultur mit eigenem Stadtteil. Nach Steven Spielbergs Film "Schindlers Liste" (1993) heute eine touristische Attraktion. Man isst dort angeblich "koscher" und hört Klezmer- Musik, aber ohne Juden.

Die Stadt ist trotz ihres Alters jung: Universität, Kunst und Kultur, Industrie vor den Toren, die Hohe Tatra zum Greifen, pulsierender Verkehr über neue Autobahnen und die Kirchen mit weit geöffneten Türen und Flügelaltären, als wollten sie die Besucher umarmen. Katholisches Polen.

Gegen Ende der Reise das Riesengebirge. Erinnerungen, Landschaften, Orte, die so manchem Heimat waren. Sie sind nicht mehr, was sie waren. Die jüngste Geschichte hat noch nicht alles geheilt. 60 Jahre sind zu wenig zum Genesen. Doch die Ahnung des Schönen leuchtet durch den Nebel um die Schneekoppe.

Die Reise hat bewirkt zu sehen und zu verstehen. Ein wenig nur, anfänglich und viel zu kurz. Aber Polen ist ganz anders, als man dachte, bevor man da war. Respekt, Staunen, Bewunderung und Zuneigung sind entstanden zu dem Land und den Menschen, die darin wohnen.

Helmut Faber

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