zur Startseite BVEA  Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.

Auguststr. 80, 10117 Berlin - Mitte, Tel. 030/28395151, Fax: 030/28395157

Internet: www.bvea.de, email: aus spam-gründen nur mail-adresse als bild


 

____________________...Archiv

BVEA Rundschau Ausgabe 3 - 2005


Glauben

Regierungen kommen und gehen...
...und was hat eine Löwengrube damit zu tun?

"Regierungen kommen und gehen ..." - Wie geht der Satz weiter? Früher hätte man wohl gesagt: "... aber das Volk bleibt!" Weil es eben nicht möglich ist, dass sich die Regierenden (frei nach Bert Brecht) ein anderes Volk wählen können, geschieht es manchmal in glücklichen Momenten der Geschichte, dass eine Gesellschaft mit dem Ruf "Wir sind das Volk!" die Regierenden hinwegfegt. Aber auch das passiert ja nur ziemlich selten, - und noch seltener mit dem Erfolg einer wirklichen Änderung zum Besseren.
Der Monatsspruch für den Monat August allerdings tutet in ein ganz anderes Horn: "Er ist der lebendige Gott; er lebt in Ewigkeit. Sein Reich geht niemals unter; seine Herrschaft hat kein Ende." (Daniel 6, 17) "Menschengemachte Regierungen kommen und gehen, Gott aber regiert immer und ewig!" Oder mit dem alten Kirchenlied: "Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl."

Kaum einer kann das nachvollziehen.

Und wenn wir uns den Textzusammenhang ansehen, aus dem dieser Vers stammt, wird die Sache nicht unbedingt glaubwürdiger und übersichtlicher. Es ist kein frommer und weiser Israelit, der ihn spricht, sondern ein junger, aufbrausender, heidnischer König: der Mederkönig Darius, der sich zuvor als direkter Konkurrent dieses ewig regierenden Gottes aufgespielt und dessen Anbetung bei Todesstrafe verboten hat. Daniel, ein frommer Exil-Jude, der als hoch geachteter, aber auch viel beneideter Premierminister am Königshof in Babylon arbeitet, verstößt gegen dieses eigens seinetwegen erlassene "Gesetz der Meder und Perser", indem er dreimal täglich zu seinem Gott Jahwe betet. Er wird - gegen den inneren Willen des Königs, jedoch dem Gesetze entsprechend - in die Löwengrube geworfen. Als der König am nächsten Morgen ängstlich am Rand der Grube erscheint und Daniel lebend vorfindet, erkennt er, dass der ewig regierende Gott seines jüdischen Mitarbeiters mächtiger und wohl auch klüger regiert als er selbst, der mächtige Herrscher von Babylon.

Er lässt Daniel herausholen und dessen politische Gegner und Ankläger zu den Löwen hinunter werfen, - samt Weib und Kind (dieser Gott regiert gelegentlich sehr rigoros!): "Und ehe sie den Boden erreichten, ergriffen die Löwen sie und zermalmten alle ihre Knochen" (Vers 25). Der heidnische König aber kommt zu der alles umwälzenden Einsicht: "Dieser ist der lebendige Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende." Und er befiehlt allen Bewohnern seines Riesenreiches, diesen Gott künftig zu respektieren und zu verehren.

Und was hilft die Regierung dieses Gottes uns heute - insbesondere im Hinblick auf das Geschäft unseres eigenen Regierens oder Regiertwerdens, da doch eigentlich ganz andere als die zur Regierung Gewählten das Heft in der Hand haben und unsere Zukunft gestalten?

Vielleicht ist dies zunächst einmal die wichtigste Einsicht: Menschliches Regieren bleibt in der Welt der vergänglichen Dinge und Werte und der ständig überholbaren Probleme und Problemlösungen. Deshalb darf von den Verantwortlichen nichts als heilig, unantastbar und ewig gültig propagiert werden, - weder das Volk, die Nation, der Staat, noch die Rechte des Privateigentums, die Gesetze des Marktes, die ökonomischen Theorien des Neokapitalismus oder der American Way of Live. Alles darf, ja muss hinterfragt werden auf das Kriterium hin, ob es den Menschen, vor allem den weniger Privilegierten unter ihnen, eher schadet oder nützt, ob es dem Frieden dient oder einem mörderischen Wettbewerb um knappe Güter, ob es die Schöpfung zerstört oder bewahrt. Wie das am besten angestrebt werden soll, darüber kann dann mit Recht politisch gestritten werden.

Und das Zweite: Wenn wir wissen, dass allein Gott in der ewigen Regierung sitzt und diese zu Gunsten von uns Menschen einsetzen will, dass wir aber im Bereich des Vergänglichen, ständig Veränderbaren und höchst Vorläufigen tätig sind, dann können wir uns jede Hektik, jeden Dogmatismus und Fanatismus sparen und uns mit Ruhe, Umsicht und Gelassenheit an die vor uns liegenden Aufgaben machen. Es geht ja nicht ums Letzte! Das letzte Wort hat Gott, und der wird - wie in der Geschichte von Darius und Daniel - schon dafür sorgen, dass in unserem Vorletzten immer wieder mal das Licht des Ewigen aufblitzt.

Dr. Walter Sohn
Theologischer Berater des BVEA