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Glauben

 

Auf dem Weg der Freiheit

Gerechtigkeit inhaltlich bestimmen, nicht nur zur bloßen Verfahrensfrage machen.

 

Bild Copyright Elke Lartz - Spiegelung

Und wenn dich heute oder morgen dein Kind fragen wird: Was bedeutet das? Sollst du ihm sagen: der Herr hat uns mit mächtiger Hand aus Ägypten, aus der Knechtschaft, geführt. (2. Moses 13, 14)

Die Geschichte des Christentums und der Kirche - eine Befreiungsgeschichte? So recht mag man es nicht glauben! Haben nicht gerade jüngst die Bilder im Zusammenhang mit dem Tod des alten und der Wahl und Inthronisation des neuen Papstes noch einmal deutlich gezeigt, wie sehr gerade Christinnen und Christen rund um den Erdball sich nach der großen religiösen Autorität, nach dem realen Stellvertreter Christi sehnen, dem sie es dann getrost überlassen können, ihnen zu sagen und vorzuleben, was es heißt, Christ zu sein? Und haben nicht viele Protestanten die katholischen Geschwister heimlich ein wenig um dieses großartige Schauspiel beneidet und von dessen Aufmerksamkeitswert ebenfalls ein Stückchen abzukriegen versucht! Die lutherische und auch die reformierte "Freiheit eines Christenmenschen", seine Unmittelbarkeit zu Gott ohne die priesterliche Vermittlung einer kirchlichen Hierarchie, - gut und schön, solange sie nur religiös gefasst wird als Glaubens- und Gewissensfreiheit. Kommen politische Töne hinein, hat gerade auch der deutsche Protestantismus sich lange Zeit nicht gern auf die Befreiungsgeschichte berufen, sondern den alten Obrigkeitsstaat als von Gott gegebene Ordnung heilig gesprochen. Bürgerliche Freiheiten, - das war das Thema der gott- und glaubenslosen Liberalen.

Bürgerliche Freiheiten, - das war das Thema der gott- und glaubenslosen Liberalen.

Doch wenigstens in dieser Hinsicht haben wir gelernt. Sehr spät zwar, aber wohl noch nicht zu spät, nämlich vierzig Jahre nach dem Neuaufbruch unseres Landes 1945, veröffentlichte der Rat der EKD das grundlegende evangelische Wort zur Staats- und Gesellschaftsform der Demokratie: die Denkschrift "Evangelische Kirche und freiheitliche Demokratie - Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe" (1985). In ihr wurde zwar diese Staats- und Gesellschaftsform nicht heilig gesprochen (dazu besteht ja auch wenig Anlass!), wohl aber dankbar begrüßt als eine politische Lebensordnung, in der Christinnen und Christen frei leben und mitwirken können und die Kirchen reichlich Gelegenheit haben, gesellschaftliche Verantwortung wahr zu nehmen.nach oben

Im Zusammenhang mit der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde spielen natürlich auch die individuellen Freiheitsrechte eine entscheidende Rolle. Insofern bezieht sich die neue Position der evangelischen Kirche - wie damals das Bekenntnis der Kinder Israels - auf eine erfahrene Befreiungsgeschichte. Und man wird gewiss nicht sagen können, dass evangelische Stellungnahmen wie auch die kirchliche Praxis vorher und in der Folgezeit mit den Freiheiten der Menschen achtlos oder gar fahrlässig umgegangen wäre. In allen Äußerungen zu gesellschaftlichen Fragen, ob zu Themen der Sozialpolitik, der Wirtschaft oder der Bildung, aber gerade auch in der Praxis der Kirche, z.B. in ihrer Diakonie, war die Freiheit des Einzelnen wie die aus ihr entspringende Verantwortlichkeit von maßgeblicher Bedeutung.

Heute sprechen wir aus guten Gründen von einem neuerlichen Individualisierungs-Schub in unserer Gesellschaft, der unter anderem mit den schier grenzenlos ausgeweiteten Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten des Einzelnen, aber auch mit dem Abreißen von Traditionen zu tun hat, die früher menschliches Leben geleitet haben. Paradoxer Weise stellt gerade diese Entwicklung mit ihrer hohen gesellschaftlichen Differenzierung eine neuartige Gefährdung der Freiheit des Einzelnen dar, weil sie ihn zu überfordern droht und seine Entscheidungen zu einem Spielball von Beliebigkeiten macht. Freiheit, die nicht mehr fest mit gegenseitiger Solidarität verbunden ist, kann sich gegen die Macht von Institutionen und globalen Trends kaum noch wirksam behaupten..

In diese sicher nicht spannungsfreie, sondern spannende Diskussion haben die Kirchen dann auch "ihre" Werte einzubringen, z.B. den der sozialen Gerechtigkeit, die, wie wir gerade aus den Zehn Geboten, dem "Gesetz der Freiheit", lernen können, die Grundlage der persönlichen Freiheit ist. Dabei werden wir uns davor hüten müssen, alle Moden der Gerechtigkeits-Diskussion mit zu machen, z.B. die, die Gerechtigkeit nicht mehr inhaltlich zu bestimmen, sondern zu einer bloßen Verfahrensfrage zu machen: als "Verfahrensgerechtigkeit" oder "Befähigungsgerechtigkeit". Gerade mancher neuere kirchliche Diskussionsbeitrag ist dieser Gefahr nicht immer ganz entgangen, z. B. die letzte "Wirtschaftsdenkschrift" der EKD (Gemeinwohl und Eigennutz. 1991), die in dem Abschnitt über soziale Gerechtigkeit nichts Besseres zu bieten hat als einen summarischen Lexikonartikel, in dem die Positionen ohne eigene Wertung nebeneinander gestellt werden.

Freiheit, Verantwortung, Solidarität und Gerechtigkeit, - das sind die Werte, mit denen und ihrem wechselseitigem Verhältnis wir uns heute neu auseinander zu setzen haben. Hoffen wir, dass wir unseren Kindern und Kindeskindern dann eines Tages zu erzählen haben, der Glaube an unseren Gott habe uns in eine neue Stufe der Erfahrung, Erkenntnis und Praxis der Freiheit geleitet.

Dr.Walter Sohn, Präses des BVEA

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