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Glauben

Bodennähe und Selbstbewusstsein
 

Ja, auch Gott gegenüber dürfen wir selbstbewusst auftreten


Für die Predigt am nächsten Sonntag (Septuagesimae) schlage ich mich gerade mit dem Predigttext herum. Es ist das "Gleichnis vom Knechtslohn" oder, wie es in älteren Übersetzungen noch überschrieben ist, "vom unnützen Knecht" (Lukas 17, 7-10). Lohnfragen, - dafür fühle ich mich als alter Industrie- und Sozialpfarrer zuständig! Aber dann dieser Text: "Hat etwa der Herr dem Knecht dafür zu danken, dass er getan hat, was ihm befohlen war? So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte und haben nur getan, was wir zu tun schuldig waren."

Ein ärgerlicher, ja, ein skandalöser Text, - einer von denen, die man gewissermaßen gegen sich selbst auslegen muss, wenn man sie überhaupt noch für uns zum Sprechen bringen will. Was wird da von uns verlangt? Dass wir demütig sind! Und bei diesem Stichwort fällt mir gleich noch ein anderer Satz ein, den wir kürzlich angesichts der Tsunami-Katastrophe in Südasien immer wieder gehört haben, nicht zuletzt vom EKD-Ratsvorsitzenden: Angesichts dieser Ereignisse sollten wir wieder lernen, demütig zu werden vor Gott und der Natur. Ist es das, was wir uns heute gesagt sein lassen sollen?

Ein ärgerlicher, ja skandalöser Text

Also zunächst einmal: Dieser Herr, der uns da im Gleichnis geschildert wird, vertritt einen völlig inakzeptablen Standpunkt. Der Knecht kommt von der Arbeit auf dem Feld oder auf der Viehweide, wo er wieder einmal einen ganzen Tag lang hart für den Herrn geschuftet hat, nach Hause. Aber nichts da mit Hinsetzen, Ausruhen und Abendessen! Erst einmal muss jetzt für den Herrn gesorgt werden: "Mach mir meine Vesper, zieh dir die Schürze an und kümmere dich um mein Wohlbefinden, bis ich fertig bin mit Essen und Trinken. Danach kannst du dann meinethalben auch für dich selbst sorgen!"

Ein Herr-Knecht-Verhältnis, wie es Buche steht! Der Herr ist alles, der Knecht ist nichts! Nun geht es ja in diesem Gleichnis Jesu nicht um Höflichkeits- und Benimmregeln für das Verhältnis zwischen Herrn und Knecht (pikanter Weise beklagt sich aber ausgerechnet Jesus selbst in der nächsten Geschichte über mangelnde Dankbarkeit. Als nur einer der zehn vom Aussatz geheilten Männer zu ihm zurückkehrt, fragt er: "Sind nicht zehn rein geworden; wo aber sind die neun anderen?"). Sondern es geht hier um die Frage einer grundsätzlichen Lebenseinstellung, um die Frage: Welches Gewicht hat das, was wir Menschen, besonders was wir Glaubenden tun?

Verantwortung ist ja nichts anderes als das Bedenken der Folgen und Wirkungen unserer Entscheidungen und Verhaltensweisen und das Bemühen, damit möglichst sinnvoll und lebensförderlich umzugehen. Das ist doch die Frage, die wir uns ständig zu stellen haben bei allem, was wir tun: Wofür das Ganze? Worauf soll es hinaus laufen? Welchen Sinn hat es? _ Wollen uns nun die Herren dieser Welt, will uns Gott diese Frage verbieten? Er hat sie uns doch selbst erst beigebracht.

Bei dem Erzähler Theodor Storm fand ich einen Vers, der das Verhältnis zwischen Herren und Knechten so beschreibt: Der eine fragt: Was kommt danach? Der andre fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheidet sich der Freie von dem Knecht.

Wir sollen unserer Verantwortung gerecht werden, tun, was uns aufgetragen ist, und dabei doch nicht denken, nun sei alles getan. Wir sollen demütig bleiben.

Demut hat heutzutage nicht unbedingt Hochkonjunktur! Das Stichwort der Zeit heißt vielmehr "Selbstverwirklichung", Ausleben der eigenen Bedürfnisse nach allen Regeln der Kunst, Auffallen um jeden Preis, und sei es im größten Affentheater. - Demut (lateinisch: humilitas) gehörte in früheren Zeiten zu den Grundtugenden christlicher Ethik, was freilich den Frommen auch nicht immer gut getan hat. Wer täglich klein gemacht wird, sich gar selber klein macht, wird am Ende oft kleinmütig und auf Dauer verbogen. Von solchen seelisch verkrümmten Gestalten ist die Geschichte kirchlicher Frömmigkeit nur allzu voll. Trotzdem könnte es gerade das sein, was uns heute gesagt werden muss, so wie Maria es sich gesagt sein lässt: "Der Herr hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun werden mich selig preisen alle Generationen." (Luk.1, 48)

Demut, Niedrigkeit, - das hat doch nicht nur die Bedeutung des Endlich-Klein-Kriegens, sondern es hat auch einen positiven Klang: Demut, Niedrigkeit, - das ist Bodennähe, ist die höchst realistische Sicht der Dinge und Größenverhältnisse, ist illusionslose, unaufgeblasene Selbsteinschätzung. Und daran haben wir heute, weiß Gott, großen Bedarf!

Auch die Kirche, besonders auch die Kerngemeinde der Kirchentreuen ist nicht für sich selbst da, sondern für die Menschen der Welt. Denn nicht die Kirche will Gott erlösen, sondern die Welt.

Denn immerhin dienen wir Gott, dem Herrn der Welt. Auch und gerade das Kleine und die Kleinen haben in seinen Augen großes Gewicht. Er macht sie zu einem Teil seiner eigenen Arbeit an der Schöpfung und am Leben der Menschen. An dieser Stelle müssen wir z.B. das Gleichnis vom Senfkorn und vom Sauerteig (Matthäus 13, 31-33) gegen das Gleichnis vom unnützen Knecht anführen. Ja, auch Gott gegenüber dürfen wir selbstbewusst auftreten. Schließlich hat er uns in der Taufe bei unserem Namen gerufen! Deshalb hat der Liederdichter Jochen Klepper Recht, wenn er in seinem schönen Morgenlied sagt: "Wie wohl hat`s hier der Sklave, der Herr hält sich bereit, dass er ihn aus dem Schlafe zu seinem Dienst geleit."

Dr.Walter Sohn, Präses des BVEA

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