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Arbeitsmarkt

 

Über den Kirchturm hinaus

Ein paar klärende Worte zu Veränderungen bei Lohn und Arbeitszeit

Leere Arbeitsplätze-Bild: Elke Lartz

Dass sich am Standort Deutschland nichts bewegt, kann man nach einem Blick auf das Jahr 2004 wohl nicht mehr behaupten. Gesetzliche Vorgaben und Regelungen wurden entschärft. In zentralen Politikbereichen, wie in der Lohn-, Arbeitszeit-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik (Hartz IV) fielen Tabus- teilweise wurden heilige Kühe geschlachtet!

Der vorliegende Beitrag greift die Bereiche Lohn- und Arbeitszeitpolitik heraus und widerspricht so mancher gängigen Meinung, wie sie heute von Presse, Funk und Fernsehen - genährt durch Politik und Wissenschaft - verbreitet wird.

Lohnpolitik

Dass allein die hohen Löhne in Deutschland schuld seien an der hohen Arbeitslosigkeit, davon ist man nicht nur an Stammtischen, sondern auch in zahlreichen Unternehmer-, Politiker- und Wirtschaftswissenschaftlerkreisen überzeugt. Die Krisen bei Karstadt-Quelle, Opel oder VW taten ihr übriges, und so wurde 2004 das Jahr des Lohnverzichts: so viele Tarifabschlüsse mit effektiven Kürzungen (z.B. Streichung von Zulagen, Urlaubsgeld, Weihnachtsbonus u.ä.) und mehrjährigen Nullrunden wurden noch nie vereinbart! Die Angst vor einer weiteren Verlagerung von Arbeitsplätzen ins "billigere" Ausland machte es möglich.

Ein Blick zurück zeigt, dass die Lohnpolitik der letzten Jahre bereits zurückhaltend war: Die realen (preisbereinigten) Lohnstückkosten sanken in Deutschland zwischen 1996 und 2003 um durchschnittlich jährlich knapp 0,4 %! Klar ist dennoch, dass sich selbst über noch viel stärkere Lohnkostensenkungen der Wettbewerb z.B. mit Polen (ca. 700 Euro Monatslohn in der Automobilindustrie) oder gar mit Rumänien (ca. 160 Euro Monatslohn in der Reifenindustrie) niemals gewinnen lässt. Wie sollten da z.B. allein deutsche Mieten bezahlt werden? Im Übrigen wusste schon Henry Ford, dass Autos keine Autos kaufen können, sondern nur seine ordentlich bezahlten Arbeiter.

Arbeitszeitpolitik

Der (gescheiterte) Vorschlag der Verlegung des Tages der Deutschen Einheit (03. Oktober) auf einen Sonntag aus Haushaltsgründen war vorläufiger Höhepunkt einer teilweise schlichtweg aberwitzigen Debatte um eine generelle Arbeitszeitverlängerung. Nur wenn die "Freizeitweltmeister" wieder länger arbeiteten, könne es mit der deutschen Wirtschaft wieder aufwärts gehen!?

Tatsächliche Arbeitszeit: 39,9 Stunden

Dazu zunächst wiederum ein paar Fakten. In Deutschland wird tatsächlich zu wenig gearbeitet, aber nicht wegen der zu kurzen Arbeitszeit und der hohen Zahl der Urlaubs- und Feiertage, sondern weil ca. sechs bis sieben Millionen Arbeitsplätze fehlen. Dadurch haben weit über vier Millionen registrierte Arbeitslose und gut 1,5 Millionen nicht registrierte Arbeitslose ("Stille Reserve") zwangsweise eine wöchentliche Arbeitszeit von null Stunden! Tatsache ist auch, dass die tatsächlich geleistete Wochenarbeitszeit derer, die eine Arbeit haben, nicht bei 32 oder 35 Stunden liegt, sondern bei 39,9 Stunden und damit fast ein europäischen Mittel. Und, was die Vielzahl der freien Urlaubs- oder Feiertage betrifft, so wird auch deren Bedeutung für die Ökonomie unterschiedlich eingeschätzt. Selbst der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber, der die bayerischen Beamten wieder 40 Stunden arbeiten lässt (und so z.B. weniger Junglehrer neu einstellen muss), verweist stolz darauf, dass Bayern trotz höchster Feiertagszahl im Vergleich mit den anderen Bundesländern die zweite Stelle beim Wirtschaftswachstum einnimmt.

Fakten hin oder her - die Welt wurde 2004 auf den Kopf gestellt und die Arbeitszeit auf breiter (nicht nur einzel-betrieblicher) Ebene ausgeweitet. Nicht nur in der Industrie, die dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt ist, sondern auch im Dienstleistungssektor, beim Staat und sogar bei der Kirche oder in der Diakonie müssen ein Großteil der Beschäftigten nun mehr tariflich wieder 40 Stunden arbeiten , den Millionen von Arbeitslosen oder jugendlichen Arbeitssuchenden zum Trotz - man hat ja im eigenen Stall die Kosten gesenkt. Dies ist gerade ein klassisches Beispiel dafür, dass das, was betriebswirtschaftlich rational ist, volkswirtschaftlich gesehen das Gegenteil bewirken kann. Das probate Mittel, das sowohl an den Belangen der Betriebe als auch an denen der Beschäftigten und Arbeitssuchenden ausgerichtet werden kann, sind und bleiben dezentrale und flexible Arbeitszeitregelungen (z.B. Gleitzeit, Arbeitszeitkorridore, Jahresarbeitszeit). Freilich ist auch dies wieder in erster Linie die Aufgabe eines kreativen Managements, das unter zukunftsweisender Unternehmensstrategie mehr begreift als lediglich Kostensenkung via Lohnkürzung oder Arbeitszeitverlängerung.

Fazit

Lohnkürzung und Arbeitszeitverlängerung sind keine geeigneten Mittel, um das Schiff "Deutsche Wirtschaft" wieder flott zu machen. Mehr denn je sind heute aufeinander abgestimmte Maßnahmen zur Verbesserung der Angebotsbedingungen für die Unternehmen einerseits und zur Stärkung der Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen andererseits erforderlich. Hierzu bedarf es kreativer Lösungen, Solidaritätsbewusstsein und Kompromissbereitschaft von allen Beteiligten (Vgl. dazu z.B. IAB-Kurzbericht Nr. 14/14.10.2004: Wege zu mehr Beschäftigung - Der Arbeitsmarkt braucht eine starke Binnennachfrage).

Dr. Gerhard Kühlewind

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit


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