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15.08.05

____________________...Aktuelles

BVEA Rundschau Ausgabe 3 - 2004


Glauben

Was ist eigentlich "gut"?

Seiner Hände Werk - unserer Hände Werk
 

Wenn ich mich so richtig wohl fühle oder aber, wenn ich mich nach einem Ärger wieder beruhigen will, greife ich gern zu einer CD. Noch nie wurde ich enttäuscht, wenn ich dabei die "Jahreszeiten" oder die "Schöpfung" des alten Josef Haydn hervorgeholt habe. Oft klingen mir dann noch Tage lang Melodien und Worte wie diese im Ohr: "Die Himmel erzählen die Ehre Gottes. Und seiner Hände Werk zeigt an das Firmament." - So schön also kann - trotz allem - die Welt sein!

Aber lässt sich von der Schönheit der Schöpfung heute noch so unbefangen singen? Schon zeitgenössische Theologen haben Haydn damals vorgeworfen, er habe den Charakter der Schöpfung als den einer Welt nach dem Sündenfall vergessen. Der Komponist konnte sich freilich auf den Wortlaut der biblischen Schöpfungsgeschichte berufen: "Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut" (1. Mose 1, 31). Und in der Tat stammen ja die Worte "gut" und "Gott" (wenigstens in den germanischen Sprachen) aus dem selben Sprachstamm.

Was ist hier eigentlich gemeint mit dem Wort "gut"?

Unser Handeln ist durch und durch vom Nutzendenken geprägt

Zum ersten Mal taucht dieses Qualitätsurteil "gut" am dritten Schöpfungstag auf, als die Scheidung von Wasser und Land vollbracht ist (Vs. 10) und damit die Grundvoraussetzungen für das Dasein von Leben geschaffen sind. Dem Chaos des Ursprungs sind Form, Gestalt und Ordnung abgerungen. Zeit und Raum sind zum Rahmen möglichen Lebens geworden, von dessen Erschaffung dann in den folgenden Schöpfungstagen berichtet wird. "Gut" ist also eine Ordnung, die Lebensmöglichkeiten eröffnet. Das Gute ruht nicht allein in sich selbst, sondern es hat einen Sinn für andere. Es ist gut für etwas, gut für jemanden.

Gottes gute Ordnung bändigt das ursprüngliche Chaos, aus dem die Schöpfung ja hervorgegangen ist (Vs. 2) und von dem das Leben auch weiterhin bedroht bleibt. Die Wassermassen, die Gott am dritten Tage vom Festland trennte, können jederzeit wieder hereinbrechen, wenn Gott seine ordnende Hand zurückzieht, wie er es in der Sintflut tat, als die Menschen durch ihr schlimmes Handeln an einander und an der Schöpfung die gute Ordnung Gottes zerstört hatten (1. Mose 6 - 8).

Am Anfang aber war die Schöpfung durch und durch gut. Es ließ sich in ihr gut leben. Deshalb war sie gut auch für uns. So gut, dass bis heute Menschen immer wieder gar nicht anders können, als Gott für seine Schöpfung voller Dankbarkeit zu loben, wie es die biblische Schöpfungsgeschichte, der Psalm 104 oder eben der alte Haydn tut. Denn "Seiner Hände Werk" ist gut in dem dreifachen Sinne: gut in sich selbst, gut für das Leben und für uns und gut schließlich für Lob und Danklieder an den Schöpfer.

Gottes gute Ordnung bändigt das ursprüngliche Chaos

Wie aber steht es um unserer Hände Werk? Können wir uns vorstellen, dass wir auch für die Produkte unserer Arbeit Lobpsalmen anstimmen wie den Psalm 104? - Ja, natürlich wird uns ständig etwas in den höchsten Tönen angepriesen. Um uns etwas zu verkaufen, ist kein Eigenlob zu hoch gegriffen. Wer zugreift, tut sich selbst etwas Gutes. Auch auf ihn wird etwas vom Glanz des soeben Erworbenen fallen. Neidisch werden alle auf ihn sein, wenn er sich dieses oder jenes Produkt gönnt. Und von anderen beneidet zu werden, - was könnte es Schöneres geben?

In unserem Tun und Handeln ist von den drei Bedeutungen des Wortes "gut" nur noch die eine übrig geblieben. Gut ist nur noch, was für etwas gut, zu etwas zu gebrauchen ist, und zwar in erster Linie gut für uns selbst. Unser Handeln ist durch und durch vom Nutzendenken geprägt. Wir gestehen dem Guten keinen eigenen Wert zu. Deshalb hat auch die Schöpfung für uns praktisch kein eigenes Lebensrecht. Sie ist gut nur als Ressource, als Verwertungs-potenzial für unsere Interessen. Und dieses Interesse ist nicht Interesse für, sondern Interesse an etwas, - das heißt daran, etwas benutzen, in unseren Besitz bringen, es "haben" zu können. Oder anders ausgedrückt: unsere menschlichen Bedürfnisse haben sich immer stärker auf das rein ökonomische Interesse verkürzt.

Damit aber hat es aufgehört, im vollen Sinne "Interesse" zu sein. Denn das lateinische Wort Interesse heißt "dabeisein", mittendrin sein, eingebunden sein. Dabeisein mit meiner Aufmerksamkeit, meiner Offenheit für das, was da um mich herum geschieht, meinem Interesse für das, was mich als größerer Lebenszusammenhang umgibt. Aus diesem Dabeisein, der Offenheit für die uns umgebende Welt haben wir ein bloßes Haben-Wollen gemacht. Am Ende sind auch wir selbst nur noch das, was "zu haben" ist: funktionierende Produzenten und Konsumenten in einer Wohlstandsgesellschaft, an der die Natur und am Ende auch die Menschen krank werden.

Vereint in die Sackgasse

Heute spüren wir an allen möglichen Stellen, dass uns dieser verengte Blick nicht weiter hilft, dass er in eine Sackgasse führt und mehr Probleme schafft als löst. Aber wie kommen wir heraus aus dieser Verengung? Jedenfalls ist dazu nötig, dass wir die Bedeutungen des Wortes "gut" aus der biblischen Schöpfungsgeschichte für uns wieder entdecken und zu Maßstäben unseres Lebens machen.

Das Urteil "es ist gut!" als Anerkennung eines eigenen Wertes, einer eigenen Würde, eines eigenen Lebensrechtes für die Schöpfung als ganze, die damit mehr wird als bloße "Umwelt", wie auch für jeden einzelnen Menschen, der mehr ist als "Arbeitskraft" oder "Humankapital". Mit dem Begriff "Umwelt" beziehen wir die Schöpfung doch nur wieder allein auf uns und unsere Interessen, stellen uns selbst in den Mittelpunkt. In Wahrheit aber sind wir Mit-Geschöpfe, zusammen mit anderen Geschöpfen, die ihr eigenes Lebensrecht beanspruchen dürfen, unabhängig davon, welchen Nutzen sie für uns erbringen. Und was für alle Geschöpfe gilt, trifft natürlich erst recht auf unsere Mitmenschen zu.

Im biblischen Sinne an das Gute zu glauben, es in seiner Fülle neu zu entdecken und für unser Leben fruchtbar zu machen, darf nicht mit dem platten Optimismus verwechselt werden, zu dem uns Wirtschaftsführer und Politiker heute anstiften wollen. Sondern es ist eine eigene Form von Realismus, der die Wirklichkeit unseres Lebens auch in ihren problematischen Seiten ganz ernst nimmt, aber damit rechnet, dass nicht unserer, sondern "seiner Hände Werk" das letzte Wort behält und wir alle zuletzt in Gottes Urteil einstimmen können: "Und siehe, es war alles sehr gut."

Dr. Walter Sohn

Theologischer Berater des BVEA