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...BVEA Archiv 2-2004

 


Glauben

Verantwortung statt Eigenliebe

Der plakative neue Mensch - die richtige Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart?
Es ist schon einige Jahre her: eine Sitzung des Gesprächskreises Kirche und Wirtschaft hoch oben im höchsten Hochhaus Europas. Die Straßen und Häuserzeilen des Frankfurter Bahnhofsviertels mit ihren allgemein-menschlichen und ihren spezifischen Freuden und Problemen liegen tief unter uns und nehmen sich nur noch ganz winzig aus. Der Hausherr, Präsident einer - versteht sich - großen Bank unseres Landes, outet sich als evangelischer Pfarrerssohn mit der Preisgabe seines persönlichen Lebensmottos: "Mitleid bekommst du geschenkt. Für den Neid der anderen aber musst du hart arbeiten!"
Gier, Neid und Geiz, statt...

Die hochrangige kirchliche Delegation, mit zwei leibhaften Bischöfen und Pröpsten bestückt, hört staunend und beeindruckt zu. Kein einziges Widerwort, keine kritische Rückfrage. Ist es schon so selbstverständlich geworden, dass die Ethik vieler Bosse, Pfarrerssohn hin oder her, sich inzwischen so weit entfernt hat von den Grundsätzen des vormaligen christlichen Kaufmannsstandes oder auch nur eines bürgerlichen Berufsethos? In den genau geführten Rechnungsbüchern der Augsburger Fugger stand es noch über jeder einzelnen Seite: Soli Deo gloria (Zur Ehre Gottes). Aber das ist lange her!

...Solidarität, Nächstenliebe, wirkliche Verantwortung

Mitleid, ja! Das bekommst du geschenkt! Dafür ist die Kirche ja da. Aber zum Menschen wirst du erst, wenn andere dich beneiden, weil du mehr kannst, mehr hast, mehr bist als sie. Wenn sie zu dir aufschauen müssen, wenn du VIP-Klasse fliegst, wenn man von dir redet (und sei es auch Schlimmes), wenn du ein Star bist, den man jede Woche zweimal in eine Talkshow einlädt. Wehe allerdings, wenn die anderen aus ihrem Neid dann auch politische Konsequenzen ziehen wollen; wenn sie z.B. eine gerechtere Besteuerung der Vermögen oder auch nur die Abschaffung der Steuerfreiheit von Flugbenzin fordern. Dann handelt es sich um "Gleichmacherei" und "Sozialneid", also um eine völlig unangebrachte Anmaßung, und das ist so gut wie das schlimmste Etikett, das man einer politischen Forderung heutzutage anhängen kann. Beneiden sollen sie uns, - aber bitte immer ohne Konsequenzen! Schließlich steht es doch jedem frei, selbst eine solch beneidenswerte Position zu erobern. "Leistung muss sich wieder lohnen!"

In einer Zeit, in der man mit ästhetisch ausgeklügelten Riesenfotos von blutigen Terroropfern oder von AIDS-Kranken höchst erfolgreich für Produkte der Kleidermode werben kann, in der auf Plakaten altbekannte religiöse Motive wie das letzte Abendmahl Jesu in frivoler Aufmachung den Umsatz steigern, - in einer solchen Zeit gehen Werbestrategen und Wirtschaftsbossen auch solche Sätze leicht von den Lippen wie "Geiz ist geil!" und "Wir sind noch längst nicht gierig genug!" (Die Delegiertenversammlung des BVEA in Jena hat dazu in einer Entschließung Stellung genommen.)

Was ist da passiert, dass frühere Laster so sehr in zeitgemäße Tugenden umdefiniert werden? - Nun, dieser Prozess ist sicherlich in sich widersprüchlich.

Zum einen macht es schon den Kindern Spaß, wider den Stachel der Wohlanständigkeit zu löcken und mit dem Feuer zu spielen, zumal dann, wenn es mit keinem hohen Risiko verbunden ist. Warum nicht mit religiösen Bildern spielen? Warum nicht mit Lastern kokettieren, bei deren Nennung die Geistlichkeit und die Angehörigen der Großelterngeneration ihre Stirn in Falten legen, wenn es doch pfiffig, interessant und ein wenig provozierend gemacht ist und vor allem das Geschäft fördert. Provokationen dieser Art nutzen sich freilich schnell ab und verlangen ständig nach neuen Steigerungen. Wann werden auch Bilder wie die von Mel Gibsons Passionsfilm in Werbestrategien für textile Markenprodukte einbezogen? An der Oberfläche und somit weit entfernt von den wirklichen Problemen bleiben derlei Show-Aktionen ohnehin. Zum anderen aber ist diese Entwicklung sicherlich ernster zu nehmen. Das Hoffähigwerden der alten Laster, ihre Umwandlung in Ehrentitel des In-Seins weist auf einen ethischen Wertewandel hin, der den primär von ökonomischen Interessen geleiteten Strukturwandel der Gesellschaft begleitet und ideologisch unterfüttert.

Das ist nicht schon deshalb beklagenswert, weil hier etwas Neues an die Stelle des überkommenen Alten tritt. Denn in der Tat brauchen wir für radikal veränderte Lebensbedingungen auch neue Formen von Ethik. Das Bedenkliche liegt vielmehr in der Banalität und Oberflächlichkeit, mit der das heute geschieht. Auch diesen Laster-Werten liegt ja ein "Menschenbild" zu Grunde, - aber was für ein billiges! Der plakatierte neue Mensch ist nichts anderes als der an die Erfordernisse der ökonomischen Produktion angepasste, seine Fantasie und Kreativität willig und ausschließlich diesem Ziel unterordnende Produzent und vor allem Konsument. Der Mensch, der "haben" will - vor allem immer mehr und immer das Neueste - und nicht "sein". Der sich von Gier, Neid und Geiz bewegen lässt und Solidarität, Nächstenliebe, wirkliche Verantwortung und die Frage nach inneren Werten den "Gutmenschen" überlässt, einer belächelnswerten und nahezu fossilen Klasse von Menschen. Welch klägliches Endergebnis des Liberalismus, der doch vor zweihundertundfünfzig Jahren mit einem viel tiefer begründeten Verständnis vom freien, selbstverantwortlichen und sozial verpflichteten Menschen angetreten ist! Es ist nur recht und billig, dass sich die Kirchen und andere wertorientierte Institutionen der

Radikal neue Formen von Ethik

Gesellschaft gegen diese neue Ethik wehren und ernstlich nach der Verantwortung von uns Menschen fragen, die sich nicht auf den Gehorsam gegenüber dem wirtschaftlich Rationalen beschränken lässt. Nicht der Ökonomie, sondern Gott sind wir die Antwort unserer Verantwortung schuldig. Der Mensch ist nicht vorrangig Homo Oecono-micus, das von seiner ökonomischen Rationalität beherrschte Tier, sondern Gottes Ebenbild.

Gottes Stimme aber klingt so: "Es ist dir gesagt, Mensch (!), was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott" (Micha 6, 8). Dass dazu gerade auch das Bemühen um Gerechtigkeit gehört, also das Gegenteil von Gier, Neid und Geiz, bringt 5. Moses 10, 12 noch deutlicher zum Ausdruck. (Aber das mag jeder selbst aufschlagen.)

Dr. Walter Sohn,

Theologischer Berater des BVEA

 

siehe auch: Ethik als Unternehmensmotor

Inhalt Archiv / Ausgabe BVEA Rundschau 2-2004


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