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EAN Baden

Evangelische Arbeitnehmerschaft Baden


Wenn Arbeit krank macht ...

Was tun, wenn der Druck am Arbeitsplatz zu groß wird?

 Eine Tagung in Colmar

Es hat schon Tradition: Der grenzüberschreitende Kontakt zwischen der Evangelischen Arbeitnehmerschaft in Südbaden (EAN) und der Equipe Ouvrière Protestante de Colmar (EOP) wird seit 1997 ununterbrochen mit beispielloser Intensität gepflegt. Mindestens zweimal jährlich treffen sich die engagierten, sozial sensiblen Protestanten diesseits und jenseits der Rheingrenze zu Tagungen und Seminaren über die Welt der Arbeit und damit verbundene Probleme. Was trennt Deutsche und Franzosen im sozialpolitischen Bereich, was ist ihnen gemeinsam? Diese Fragestellung ist zum roten Faden bei all den Begegnungen geworden.

Aber auch Geselligkeit, private Kontakte, das Feiern von Festen, gemeinsame Gottesdienste, Verbundenheit im Glauben und eine im wahrsten Sinne des Wortes unendliche gegenseitige Neugier prägten viele fruchtbare Begegnungen. - Am Samstag, dem 17. April 2004, war es wieder soweit: 11 Franzosen und 13 Deutsche (aus Baden) kamen im Gemeindezentrum von Saint Jean zusammen, inmitten eines sozialen Brennpunktviertels am Rande von Colmar, in dem Menschen aus über 70 Nationen leben. Das Tagesseminar wurde von Jean-Jacques Dietsch von der EOP, zugleich Gemeindepfarrer von Saint Jean und dem südbadischen Industriepfarrer Werner Jahn geleitet.

Zunächst referierte Madame Claude Brettel von der Organisation "ACTAL" (Amélioration des conditions du travail en Alsace et en Lorraine) über Gesundheit am Arbeitsplatz unter psychologischen Aspekten, während Monsieur Marc Aron ("inspecteur du travail") über Gesundheit am Arbeitsplatz unter gesetzlichen Aspekten sprach.

"ACTAL" kümmert sich um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und des Betriebsklimas im Elsaß und in Lothringen und wird von den Betrieben selbst angefragt. Im Betrieb wird dann von ACTAL eine Analyse vorgenommen und Verbesserungsvorschläge erarbeitet, die vom Betrieb finanziert werden müssen. Im Vordergrund der Arbeit von Madame Brettel stehen organisatorische und psychologische Beratung, weniger die Ausstattung der Betriebe mit Sachmitteln oder Neuanschaffungen.

 Madame Brettel klärte zunächst einige Begriffe (Stress, Mobbing, burnt-out-Syndrom) ab, um als nächstes über den ökonomischen Kontext in Europa und insbesondere im Elsaß zu sprechen und schließlich die Brücke zu schlagen zwischen Ökonomie, Arbeitsbedingungen und der Gesundheit am Arbeitsplatz. -

Alle drei Gesundheitsrisiken zeigen typische Symptome: Stress führt zu physischen (Kopf- und Muskelschmerzen, Schlaf-, Appetit- und Verdauungsprobleme, Schweißausbrüche, Beklemmungsgefühle), emotionalen (erhöhte Nervosität, Weinkrämpfe, Angst, Erregtheit, Niedergeschlagenheit und Unwohlsein) und zu geistigen (Konzentrationsstörungen, die bis zu Irrtümern und Vergesslichkeit führen; Schwierigkeiten, Initiative zu ergreifen oder Entscheidungen zu treffen) Störungen, während das burnt-out-Syndrom vor allem ein Müdigkeitsgefühl, unpersönliches Verhalten gegenüber Kollegen (Gefühlskälte) und eine reduzierte Wertschätzung der eigenen geleisteten Arbeit hervorrufen, die bis zur Depression, gestörtem Selbstwertgefühl, Abwesenheit und dem Auftreten zwischenmenschlicher Konflikte führen kann.

Das Mobbing hingegen greift die Würde und die physische und psychische Integrität einer Person an und ist imstande, diese teilweise zu zersetzen.

Madame Brettel konstatiert einen klaren Zusammenhang zwischen der Entwicklung der wirtschaftlichen Situation, der Arbeitsorganisation und der Gesundheit der Arbeitnehmer/innen: So ist der Anteil der Arbeitnehmer/innen mit befristetem Arbeitsvertrag in Europa zwischen 1994 und 2000 von 9% auf 15% angestiegen - 16% der Arbeitnehmer/innen gehören der Kategorie der Niedrigverdiener an und im Elsaß ist die Arbeitslosigkeit innerhalb der letzen zwei Jahre um 40% angestiegen, so dass man mit Fug und Recht von einer "Präkarisierung" der gesamten Arbeitswelt sprechen kann.

Die Arbeitnehmer/innen sehen sich zusehends schwierigen Arbeitszeiten, Nachtarbeit, einer Arbeitsverdichtung (nicht zuletzt als Folge der Einführung der 35-Stunden-Woche in Frankreich), einer Reduktion von Erholungspausen, einem schnelleren Arbeitsrhythmus und einer Monotonie der Arbeit (repetitive Arbeit ohne Überblick) ausgesetzt. Außerdem werden ihnen mehr Verantwortlichkeiten aufgebürdet bei gleichzeitigem Fehlen von Autonomie.

Nach arbeitsmedizinischen Untersuchungen klagen 33% der Beschäftigten über dauernde Rückenschmerzen, 25% über Schulter- und Halsschmerzen, 28% klagen über "Stress" am Arbeitsplatz und 10% geben an, unter Mobbing zu leiden. Untersuchungen haben vor allem ergeben, dass ein evidenter Zusammenhang besteht zwischen "prekär Beschäftigten" und einem schlechten Gesundheitszustand.

Herr Marc Aron aus Colmar ist "Arbeitsinspektor", hat aber im Vergleich zur deutschen "Gewerbeaufsicht" einen generalisierteren Arbeitsbereich, zu dem neben Hygiene, Umwelt, Arbeitsbedingungen und Sicherheit auch die Arbeitsverträge, Löhne, Tarifverträge und das Arbeitsrecht gehören. Die Arbeitsinspektion ist also befähigt, das Thema "psychische Gesundheit am Arbeitsplatz" zu behandeln.

Im französischen Recht ist jede Art von Diskriminierung (sexuelle, soziale oder rassische) verboten, das "Mobbing" kann auch als soziale Diskriminierung verstanden und somit geahndet werden. Allerdings räumt Monsieur Aron ein, dass er als Arbeitsinspektor schwerlich Zeuge eines Mobbings werden wird, und vom Sagen-Hören alleine ist der Tatbestand des Mobbings schwer nachzuweisen. Er kann allenfalls die Arbeitnehmervertreter/innen auf ein solches Problem aufmerksam machen. Kürzlich erst wurde von der französischen Rechtsprechung entschieden, dass gewisse Pathologien, wie etwa die nervöse Depression oder auch das "Mobbing" wie ein "Arbeitsunfall" zu bewerten und damit die Kosten für die Behandlung des Betroffenen vom Arbeitgeber zu bezahlen sind. In ganz Frankreich gibt es 450 Arbeitsinspektoren, was sicherlich unzureichend ist, um all die Mängel und Missstände im Arbeitsleben zu beheben. -

 Ein atmosphärischer Höhepunkt zwischen den Referaten und Diskussionen war ein französisches Mittagessen, ein köstliches gemeinsames Mahl, das von Mitgliedern der gastgebenden EOP angerichtet wurde.

An dem arbeitsintensiven Tagesseminar nahm auch Gabi Vetter aus Lahr vom Landesvorstand der EAN Baden teil.

Im Herbst treffen sich die Teilnehmer/innen und Gäste auf der deutschen Seite des Rheins wieder. Zuvor wird es noch zahlreiche Begegnungen mit halb-privatem Charakter geben. Eine Freundschaft, die segensreiche Spuren hinterlässt, sowohl in Frankreich, wie in Deutschland, findet ihre Fortsetzung.

 

Sabine und Joachim Keim
Denzlingen, im Mai 2004

Inhalt Archiv / Ausgabe BVEA Rundschau 2-2004


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