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Glauben

Vergangenes oder ein künftiges Wunder?

Es lohnt sich auch für uns, sich hier auf Erden für vernünftige Neuerungen einzusetzen!

"Ja, und morgen kriegen wir Weihnachten!" Mit dieser im schönsten rheinischen Ton vorgetragenen Bemerkung pflegte es einer unserer Lehrer zu kommentieren, wenn unser Klassenfaulpelz wieder einmal hoch und heilig versprach, am anderen Morgen endlich die bisher verschluderten Hausaufgaben mitzubringen.

Mitten im Sommer war die Erfüllung dieser studienrätlichen Prophezeiung freilich ebenso unwahrscheinlich wie die gelobte Besserung unseres dickfelligen Mitschülers. Was können wir, vom Scheitern seiner pädagogischen Bemühung abgesehen, aus dem Kommentar des allseits verehrten Lehrers lernen? Erstens, dass Weihnachten offensichtlich etwas Wunderbares ist, welches aber - zweitens - im Sommer selten eintrifft. Und weil das so ist, müssen wir auf Weihnachten immer einige Zeit warten, - in der Regel ein volles Jahr. Den letzten Teil dieser Wartezeit nennen wir Advent.

Worauf warten wir da eigentlich? Wenn unser Lehrer Recht hatte: auf ein Wunder, das in seinem Falle, mitten im Sommer, nicht eintraf, von dem wir aber immer am Jahresende fest annehmen, dass es eintreffe, vielmehr längst eingetroffen sei.

Und damit stehen wir schon wieder vor einem Dilemma. Bezieht sich Weihnachten auf ein vergangenes oder ein künftiges Wunder, ist es ein Wunder- Erinnerungs- oder ein Wunder-Erwartungsfest, - oder anders gesagt: liegt Weihnachten immer schon hinter uns oder haben wir es eigentlich erst noch so richtig vor uns? Der Monatsspruch für den Dezember dieses Jahres behauptet eindeutig das Letztere. Er steht beim Propheten Jesaja, genauer gesehen bei dem zweiten dieses Namens (er lebte in der Mitte des 6. Jahrhunderts vor Christus zur Zeit des babylonischen Exils und seiner Beendigung), und lautet folgendermaßen:

Gott spricht: Siehe, ich will ein Neues schaffen. Jetzt wächst es auf. Erkennt ihr's denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde. (Jes. 43, 19)

Hier outet sich Gott eindeutig als Reformer

Hier outet sich Gott also eindeutig als Reformer. Oder sollte er etwa doch gar ein Revolutionär sein, wenn er hier verlauten lässt, es gehe ihm nicht nur um die Reparatur und Fortschreibung des Gegebenen, um seine Anpassung an die veränderten Bedingungen, sondern um etwas ganz Neues? Ersterem gilt ja gewöhnlich das Bemühen und Versprechen unserer Politiker, und wir haben alle Mühe, ihren rasch wechselnden Beteuerungen und Verheißungen zu folgen und die minimalen Spuren von Menschenfreundlichkeit oder doch wenigstens von Problemlösung darin zu entdecken, die zu einer frohen Botschaft gehören sollten. Aber etwas ganz Neues, - dafür kann allein Gott zuständig sein.

Die Menschen, denen der zweite Jesaja damals die gute Nachricht Gottes auszurichten hatte, haben das versprochene Neue noch selbst erlebt. Nach Jahrzehnte langer Verbannung konnten sie auf der Grundlage eines Erlasses von Perserkönig Kyros in ihre angestammte Heimat nach Jerusalem und in die Provinz Judäa zurückkehren. Konnte doch jetzt das Leben noch einmal beginnen, neues Leben entstehen, wie die Wüste erblüht, wenn Gott es dort Wasserströme regnen lässt.

Die ersten Christen haben diese - inzwischen historisch erfüllte - Prophezeiung des zweiten Jesaja noch einmal aufgenommen, um eine andere Erfahrung zu deuten, die sie inzwischen mit Gott gemacht hatten: das Erscheinen des Jesus von Nazareth, der unter ihnen gelebt und ihnen Gott in einer ganz neuen Weise nahe gebracht hatte, der dann einen schmählichen Tod am Kreuz hatte erleiden müssen. Aber - und das war das eigentlich Wunderbare - mit diesem Tod war nicht alles zu Ende gewesen, sondern mit ihm hatte es erst so richtig angefangen. Doch hatte nicht genau das schon der zweite Jesaja vorausgesagt, für den die Befreiung des Volkes Israel immer auch aufs engste mit dem Leiden des Gottesboten verknüpft war, des "Gottesknechts" (z.B. Jes. 50, 4 - 9; 52, 13 - 53, 12)? Den Anfang dieser neuen endgültigen Erlösung, eben die Geburt dieses Kindes Jesus im Stall von Bethlehem, feierten sie als das große Wunder ihres Weihnachtsfests, - mitten im Winter, wenn die Welt uns am dunkelsten erscheint.

Dieses im Dunkel strahlende Licht ist es vor allem, was viele Menschen mit dem Weihnachtsfest verbinden. Schon in der Zeit des Wartens, in den Adventswochen, stellen sie Kerzen auf, hängen Lichterketten in die Fenster, und möglichst noch früher spannen die Geschäfte ihre kunstvollen und konsumfördernden Leuchtgirlanden über die Einkaufsstraßen und werben mit alten Weihnachtsweisen für das "Fest der Liebe" und "der Familie". Weihnachten also, wie es schon immer war, vor allem in unseren Kindertagen? Warm, strahlend, geschenkreich und kuschelig, ein ferner Glanz aus der Schatzkiste unserer tiefsten Erinnerung?

Ja, auch diese Seite hat wohl ihren guten Sinn und ihr Recht. Wir haben es schon einmal erfahren, worum es im Weihnachtsfest geht: dieses Erlösende und Befreiende in unserem Leben. Damals in der Kindheit und dann - hoffentlich - immer wieder auch in späteren Jahren.

Aber dieses Rückblick- und Erinnerungsweihnachten kann nicht alles sein. Wenn der zweite Jesaja Recht hat, muss es immer auch noch vor uns liegen, das Neue, das unser Leben verändern, neue Perspektiven eröffnen will. Dann befinden wir uns nicht im längst erreichten Zustand der Erfüllung, sondern in dem freudiger Erwartung, - in der Zeit des Advent. Wir warten auf die Erneuerung in unserem Leben, auf das Neue für die Welt, auf ihre Umgestaltung nach dem Willen Gottes: "Dein Reich komme, dein Wille geschehe ...", auf dass es endlich gerecht zugehe auf Erden. Und nur weil Gott uns das versprochen hat - zuerst durch Propheten wie den zweiten Jesaja, dann durch Jesus von Nazareth -, lohnt es sich auch für uns, uns hier auf Erden für vernünftige Neuerungen einzusetzen, ohne Allmachtswahn oder Verlustängste, vernünftig und mit Augenmaß und ganz im Geiste der Menschenfreundlichkeit, die wir von Gott erfahren haben.

Und ein solches Weihnachten ist dann wirklich nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden. Denn dunkel ist es immer irgendwo. Ein Weihnachten dieser Art kann auch im Sommer eintreffen. Vielleicht bringt ja der Klassenfaulpelz eines schönen Morgens tatsächlich seine Hausaufgaben fix und fertig und selbstgemacht mit in die Schule und der Herr Studienrat erlebt sein blaues Wunder. Und vielleicht wird ja auch noch etwas Gescheites aus ihm für sein späteres Leben. Faulheit soll schon immer ein besonders fruchtbarer Boden für die besten Verbesserungs- und Vereinfachungsideen gewesen sein.

Wir jedenfalls sollen es wissen: Weihnachten liegt vor uns!

Dr. Walter Sohn, Präses des BVEA

 

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