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Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang sei gelobet der Name des Herrn (Psalm 113, 3)

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Nein, besonders aufregend klingt er nicht, der Monatsspruch vom August, und von allerhöchster Aktualität scheint er auch nicht gerade zu sein. Allzu vertraut klingt er uns, - besonders den etwas frömmeren Partien unseres Gehörgangs. Vielen von uns fällt bei diesen Worten sogleich der bekannte und sicher auch von uns schon bei vielen Gelegenheiten angestimmte Kanon ein, dessen auf- und absteigende Melodie den im Text geschilderten Lauf der Sonne so bildhaft begleitet. - Aber könnte nicht auch ein Vers ohne ins Augen fallende Aktualität wichtig sein für uns, weil er uns wie ein Blick in den Spiegel etwas über uns selbst deutlich machen kann?

Ist es noch modern, jemanden oder irgendetwas zu loben? Gewiss, zu pädagogischen Zwecken wird gelegentlich von Eltern, Lehrern, Großeltern oder auch einmal von einem altmodischen Chef auf dieses bewährte Mittel zurückgegriffen. Doch selbst bei dem oder der Belobigten kommt eine anerkennende Ergänzung des Taschengeldes bzw. eine Gehaltserhöhung besser an als ein paar belobigende Worte, von denen man sich letztlich nichts kaufen kann. Preisen oder anpreisen, - das ja! Das hat ja auch etwas mit Preisen, also mit etwas Zähl- und Zahlbarem zu tun. Aber jemanden loben, das ist doch megaout! Sowohl anderen Menschen als wohl auch Gott gegenüber.

Ist bei uns heute vielleicht etwas anderes an die Stelle dessen getreten, was Bibel und Gesangbuch mit dem Wort Loben, mit dem Lob Gottes, ausgedrückt haben? Ich denke: ja! Und zwar einerseits, wie eben schon angedeutet, in der Gestalt marktschreierischen Anpreisens einer Ware, eines Angebots, eines Kandidaten oder einer Kandidatin für irgendein erstrebenswertes Amt. Der Markt der Wirtschaft und der Politik ist voll von solcherlei Anpreisungen, die uns stets ein besonders günstiges Angebot verheißen und es geradezu zu einer Dummheit und Sünde erklären, diese einmalige Gelegenheit zu verpassen. Dabei wird nicht nur in grellen Farben ausgemalt, mit lauter Stimme geschrieen und keine denkbare Provokation ausgelassen, sondern auch gelogen, dass sich die Balken biegen. In dieser Gestalt ist uns das Loben durchaus noch geläufig: in der des Eigenlobs. Das aber stinkt bekanntlich.

Die andere und wesentlich sympathischere Gestalt, die das Loben bei uns angenommen hat, ist die des Dankens. Wo auf gute Formen noch einigermaßen Wert gelegt wird, ist eine der ersten Übungen, die Kinder zu lernen haben, die, zur richtigen Gelegenheit bitte und danke zu sagen. Auch wenn erbrachte Leistungen und erworbene Verdienste heutzutage oft schnell vergessen sind und nicht mehr zählen, wird doch noch bei zahlreichen Gelegenheiten Dank abgestattet: dem bewährten Staatsdiener, der engagierten Ehrenamtlichen, dem treuen Publikum, den Fans eines Fußballvereins ... Auch der Hang der Menschen, sich insbesondere den Personen

Beim Anpreisen der Ware wird häufig gelogen, dass sich die Balken biegen

gegenüber gelegentlich dankbar zu zeigen, die täglich für sie da sind und sich abrackern, wird durchaus marktgängig genutzt: der Sankt - Valentinstag, der Muttertag, Geburts- und Namenstage, neuerdings sogar der zum Vatertag umfunktionierte Himmelfahrtstag und das Importprodukt Halloween, und natürlich erst recht die altbewährten "Familienfeste" Weihnachten und Ostern, - sie alle sind dankbar begrüßte und allerseits geförderte Gelegenheiten, das menschliche Bedürfnis nach Dankbarkeit und Liebe konsum- und verkaufsstimulierend anzusprechen und auszubeuten.

Und was zwischen uns Menschen gilt, hat wohl auch in unserem Verhältnis zu Gott Einzug gehalten. Den ehrwürdigen Chorals "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren" hat als Lieblingslied bei vielen von uns das so viel leichter daherkommende Danke - Lied abgelöst: "Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag ..." Dagegen ist ja wohl auch kaum etwas einzuwenden.

Aber vielleicht ist es doch interessant, sich einmal klar zu machen, was mit diesem Begriffswechsel eigentlich geschehen ist und was hinter ihm steckt. Denn so nahe für unsere Ohren _ Loben und Danken beieinander stehen, so hat sich hier doch eine deutliche Änderung des Blickwinkels vollzogen.

Beim Lob gilt alle Aufmerksamkeit dem, der da gelobt wird. Er allein ist das Subjekt, während der Lobende ganz von sich selbst absieht und zu nichts anderem wird als der klingenden Saite oder dem vibrierenden Trommelfell eines Instruments, auf dem das Loblied ertönt. Diese Konstellation kommt ja auch in unserem Psalmvers ganz deutlich dadurch zum Ausdruck, dass hier als Subjekt des Satzes einzig der Name Gottes genannt wird, dem das Lob gilt. Wessen Lob eigentlich? Nun, das der ganzen Welt, aller Wesen auf Erden und darum natürlich auch das unsere, und das vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, das heißt den lieben langen Tag hindurch. - Nebenbei, das waren noch Zeiten, als es selbst für das Lob Gottes, geschweige denn für das Tagewerk des Arbeitsalltags nur um die Zeit vom ersten bis zum letzten Hahnenschrei ging und die Nacht ganz dem Schlaf dienen durfte. Die Herren (und Götter) von heute sind in dieser Hinsicht weniger bescheiden. Sie wollen uns auch nachts und an allen Sonn- und Feiertagen für ihre Interessen zur Verfügung haben!

Beim Danken dagegen ist immer klar, wer das Subjekt des Vorgangs ist, nämlich der Dankende. Er steht im Mittelpunkt der Szene, wenn er sich an den zu Bedankenden wendet und zu ihm sagt: "Ich danke dir." Ohne "ich" zu sagen, lässt sich ein Dank nicht überzeugend vorbringen. An die Stelle des umfassenden Universums, das erfüllt ist vom Lob seines Schöpfers, ist also das Ich getreten, das aus seiner ganzen übrigen Umgebung heraustritt und das Dankeswort einzig und allein zu einer Sache zwischen sich und dem zu Bedankenden macht. Zu danken ist immer eine persönliche, eine individuelle und eine aktive Angelegenheit, kein Ein- und Mitklingen im Konzert eines großen Ganzen.

Lob und Dank haben ihre Ursache in gemachten Erfahrungen. Doch diese Erfahrungen haben unterschiedlichen Charakter. Im Loben geht es um den Ausdruck der überwältigenden Freude darüber, dass "alles so gut geordnet", dass die Erde so schön und das Leben so lebenswert ist.

Die Individualisierung ist unser Schicksal und zugleich individuelle Freiheit

Im Dank dagegen geht es um ganz persönliche Erfahrungen: um ein besonderes Geschenk, eine erfahrene Rettung, ein glückliches Erlebnis, um etwas, das als großes persönliches Geschenk empfunden wird. Und diese gute Erfahrung wird, auch wenn der Dank vielleicht öffentlich ausgesprochen wird, zum Gegenstand der ganz persönlichen Beziehung zwischen dem Dankbaren und dem Bedankten. Aus dem Beschenkten ist das Subjekt des Dankes geworden.

Hinter die Individualisierung, die zu den Kennzeichen aller modernen Gesellschaften gehört, hinter die Herauslösung des Individuums aus dem Gesamtzusammenhang der ganzen Menschheit und der gesamten Schöpfung können wir nicht mehr zurück. Sie ist unser Schicksal und zugleich der Raum unserer individuellen Freiheit. Mit ihr hat auch die persönliche Erfahrung ihren großen Stellenwert gewonnen. Möge uns damit aber der Drang, auch einmal wieder für "das Ganze" dankbar zu sein und uns in einem umfassenden Sinn des Lebens zu freuen, nicht gänzlich verloren gehen. Und das um so weniger, je deutlicher uns wird, wofür wir unseren Gott zu loben hätten.

Der Psalm sagt es mit klaren Worten: Gott, der über alle Völker und Mächte auf Erden himmelhoch erhaben ist, schaut doch gerade deshalb hernieder zu uns auf Erden, und was seine Blicke suchen, ist gerade nicht das Herrliche und Große, das so ist wie er selbst, sondern das Kleine und Schwache. Das will er aus dem Dreck heraufholen und ihm einen Ehrenplatz anweisen. Und die kinderlose und deshalb von allen als nutzlos verachtete Frau wird er zur Mutter machen und ihr die Lebensfreude wieder schenken.

Dr. Walter Sohn
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