Sie sind hier:  BVEA "Archiv 2-2003 / Ladenschlussgesetz - Karl-Heinz Lüpke"
Zurück ] [ Willkommen ] [ Nach oben ] [ Weiter ]

 Suche:

Wir brauchen Zeit!

Karl-Heinz Lüpke vertrat die konfessionellen Arbeitnehmerverbände KAB und BVEA auf der Hauptkundgebung in Berlin / Auszüge aus seiner Rede vor mehreren tausend Demonstranten.

zur Druckversionzur Druckversion
nach Druckbefehl einfach Fenster schliessen, dann sind sie wieder auf dieser Seite

Aktuelles

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

es gibt keinen vernünftigen Grund, das bestehende Ladenschlussgesetz zu ändern.

Aber es erhebt sich sofort die Frage: Wem nützt die Veränderung und gegen wen richtet es sich? Die Änderung des Gesetzes nützt im Wesentlichen den Großen im Handel, den Supermarktketten und den Warenhäusern. Dem kleinen Einzelhandel nutzt eine Veränderung nichts - im Gegenteil.

Wir haben in Deutschland zur Zeit über 4,7 Mio. Arbeitslose, etwa knapp 3 Mio. Sozialhilfeempfänger, und noch einmal etwa 3 Mio. Menschen leben im prekären Wohlstand, d.h. etwa 11 Mio. Menschen verfügen über eine ganz geringe Kaufkraft. Diese Menschen brauchen mit Sicherheit keine Änderung des Ladenschlussgesetzes. Die derzeitige Politik - ich meine Regierung und Opposition - sollten sich ernsthaft Gedanken machen, wie man Menschen wieder dazu verhilft, ihren Lebensunterhalt wieder aus eigener Kraft zu verdienen, als darüber, wie man ihnen noch besser das wenige Geld aus der Tasche zieht. Soweit zur sozialen Lage in Deutschland.

Handel ist für den Menschen da und nicht umgekehrt

Die Vorstellung, die Menschen kaufen um so mehr, je mehr Gelegenheit ihnen dazu gegeben wird, ist die blödeste Argumentation, die man hört (aber so wird Politik gemacht): Wir - die kath. Betriebsseelsorge, der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt, die Kath. Arbeitnehmer- Bewegung, der Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen widersprechen entschieden einem Menschenbild, das den Menschen auf seine Geldbörse reduziert und seine sozialen und gesellschaftlichen Bezüge ausblendet. Wer den Menschen fast ausschließlich in der Rolle des Konsumenten sieht und nicht gleichzeitig für erträgliche Lebensbedingungen sorgt, verletzt die Würde des Menschen.

Richtig ist doch, dass längere Öffnungszeiten auch mit mehr Kosten für den Einzelhandel verbunden sind, was wiederum dann zu höheren Preisen führt.

Wir widersprechen einem Menschenbild, das sich auf das Portemonaie reduziert

Mehr Geld haben die Verbraucher aber nicht in der Tasche, also werden sie auch nicht mehr einkaufen. Wer in dieser Situation die Ladenzeiten ausdehnt, serviert eine ökonomische Mogelpackung und lenkt von vielen anderen Problemen ab. In Kauf genommen wird eine weitere Verschärfung der Belastungen für die im Einzelhandel Beschäftigten. Womit haben sie das verdient?

Wir halten demgegenüber fest: Die Wirtschaft und auch der Handel sind für den Menschen da und nicht umgekehrt. Die Wirtschaft darf nicht zur Ausbeutung von Menschen verkommen, sondern muss der Lebensgestaltung von Menschen dienen.

In meiner Bibel lese ich von der Menschenfreundlichkeit Gottes (Titus 3,4), der sich vor allem denen zuwendet, die bisher immer das Nachsehen gehabt haben.

Also: Die Menschenfreundlichkeit Gottes gilt den Ausgebeuteten und nicht den Ausbeutern. Das ist der Grundtenor meiner Bibel. Und meine Bibel kennt auch Korrekturmöglichkeiten ungerechter Strukturen. Meine Bibel kennt die heilsame Unterbrechung von Arbeit und Ruhe, meine Bibel kennt das Recht auf den Feierabend und zwar für jeden Tag. Und meine Bibel kennt den Sabbat, den freien Tag, der den Menschen gehört (allen) und Gott.

Die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten besonders am Samstag verdirbt den Sonntag, weil die (es sind ja besonders die Frauen, die davon betroffen sind) Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer kaum noch Kraft haben, den Sonntag zu gestalten.

Wir brauchen, um Mensch bleiben zu können, eine Rhythmisierung der Zeit, eine Kultur für die Zeit der Arbeit und eine für die Ruhe. Wir benötigen Zeit der Freude und der Trauer, Zeit des Körpers und der Seele, Zeit der Gemeinschaft und des Alleinseins, Zeit des Redens und der Stille, Zeit des Tages und der Nacht.

Also wir fordern- immer und immer wieder - eine gesellschaftlich vereinbarte und für alle geltende Rhythmik der Zeit:

Es kann und darf nicht angehen, dass 2,5 Mio. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu modernen Sklaven wirtschaftlicher Interessen einiger weniger werden.

Hier wird der Grundkonsens in unserer Gesellschaft für gleiche Lebensbedingungen zu sorgen, aufgegeben - oder hat es den noch nie gegeben?

Wie dem auch sei:

Die Wirtschaft, der Handel, der Service, die vernetzten Techniken sind keine göttlichen Zwänge, die uns beherrschen dürfen. Es sind menschliche Installationen zu menschlichen Zwecken.

Wenn die Wirtschaft die Freizeit so individualisiert, dass die Gesellschaft insgesamt nie mehr zur Ruhe kommt, dann entfällt für jeden einzelnen Menschen jene sichtbare, hörbare, psychisch und sozial erfahrbare Unterbrechung , die aber zu einem menschenwürdigen Leben unabdingbar dazu gehört.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere gemeinsame Aufgabe ist das Wohl und Heil des Menschen.

Wo wir ein kulturelles Vakuum zulassen, könnten jene Kräfte siegen, die den Menschen nur für sich verbrauchen wollen.

Wenn wir in Kirche und Gewerkschaft das Kulturgut Feierabend und Sonntag erhalten wollen, dann müssen wir uns gemeinsam gegen die zur Wehr setzen, die dies zerstören wollen.

Und wir müssen es laut und unüberhörbar tun, heute, morgen , solange bis wir endlich erhört werden.

Dies ist ein Protest für das Leben!!

Karl-Heinz Lüpke,

Arbeitskreis Soziologie und Theologie (AST)


nach oben


 WillkommenBundesverband  -  Vorstellung  -  Vorstand  -  GeschäftsstelleImpressum - Landesverbände - TermineBVEA RundschauBVEA  Aktuell"Links"
Inhaltsverzeichnis in Listenform - BVEA-Archiv  

Der BVEA ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich


Adresse bis 31.12.2006:  BVEA - Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.
 Auguststr. 80, 10117 Berlin - Mitte, E-Mail: aus spam-gründen mail-adresse als bild

Aktuell: BVEA - Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.
Alfredstraße 53 - 45130 Essen
Tel.: 0201 770392 - Fax: 0201 777950 - mail:bvea-mail-aus spam-gründen nur als bild