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Eben nicht schwarz oder weiß!

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Dr. Walter Sohn, neuer Bundesverbandspräses

Dr. Walter SohnNicht bei der Suche nach Weisheit bin ich auf diese Verse gestoßen, sondern nach einem biblischen Text, der recht plastisch von der Arbeit des Menschen spricht.

In dieser Hinsicht kann man tatsächlich kaum einen besseren finden als dieses Kapitel 28 im Buch Hiob. Dessen erste Hälfte bildet nämlich eine der großartigsten Beschreibungen des Bergbaus, die es in der Geschichte der Literatur gibt: ..... Man bricht einen Schacht fern von dort, wo man wohnt. Vergessen, ohne Halt für den Fuß, hängen und schweben die Bergleute über der Tiefe, fern von den anderen Menschen. Wie Feuer zerwühlen sie unten die Erde, während hoch über ihnen das Brot wächst ... - Das Fazit dieser Beschreibung aber lautet schließlich: Auch dort unten in der Tiefe ist die Weisheit nicht zu finden (Vers 14).

Woher kommt denn die Weisheit, und wo ist die Stätte der Einsicht? Gott weiß den Weg zu ihr, er allein kennt die Stätte. Denn er sieht die Enden der Erde und schaut alles, was der Himmel ist. (Hiob 28,20,23 f.)

Doch ist Weisheit heute überhaupt gefragt? Lässt sich mit ihr noch etwas anfangen in unserer schnelllebigen Zeit? Sicher, Wissen ist ein zentraler Faktor in unserer Informationsgesellschaft. Vom Wissen und der Qualifikation der Menschen hängt die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft ab. Der Aufwand für Forschung und Entwicklung entscheidet über die Zukunftsaussichten eines Landes. Doch das Wissen, um das es dabei geht, ist ein von Interessen geleitetes, auf bestimmte Vorteile zielendes, ein marktgängiges Wissen, das den unmittelbaren Vorsprung vor anderen verschafft, Machtpositionen ausbauen hilft und dessen Umsetzung sich gut vermarkten lässt.

Eine solche Art von Wissen ist üblicher Weise sehr kurzfristig angelegt und rasch von noch neueren Informationen überholt. Es stellt ständig neue Forderungen an die Anpassungsbereitschaft der Menschen, die mit ihm umzugehen haben. Der amerikanische Gesellschaftswissenschaftler Richard Sennett stellte kürzlich fest: "Heute muss ein junger Amerikaner mit mindestens zweijährigem Studium damit rechnen, in den 40 Jahren seines Berufslebens wenigstens elf Mal die Stelle zu wechseln und dabei seine Kenntnisbasis wenigstens drei Mal völlig auszutauschen. Dabei wird dieser junge Mensch sicherlich vielerlei Erfahrungen sammeln, vieles zu lernen, aber auch vieles schnell wieder zu vergessen und sich in der Auseinandersetzung mit einer Unmenge fort-schreitender Informationen ständig neu zu bewähren haben, - aber Weisheit wird es wohl kaum sein, was er dabei am Ende gewonnen hat. Der Rundblick in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zeigt uns nur allzu deutlich, wie weit auch das glänzendste Fachwissen und die souveränste Beherrschung eines Spezialgebiets von einer Weisheit entfernt ist, die unter die Oberfläche schaut, Zusammenhänge erkennt und zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden weiß."

An die Stelle der Weisen sind heute die "Macher" getreten, die mit energischem Gesichtsausdruck und zusammengezogenen Brauen die Probleme "in die Hand nehmen" und selbstbewusst handeln, während die "Bedenkenträger" noch immer schwätzen. Und was manche von ihnen damit anrichten, lässt sich allerorten sehen, im Irak-Krieg genau- so wie in der Auseinandersetzung mit der Wandlungskrise der alten, industriellen Erwerbsarbeits-Gesellschaft. Es mangelt nicht am Fachwissen der Spezialisten, aber an der Übersicht und Klugheit von Weisen, die hinter die Dinge schauen.

Doch kommen wir zurück zu der Weisheit, von der das Hiob-Buch spricht. Bei ihr handelt es sich ja keineswegs um irgendeine esoterische Angelegenheit, um ein feines Gespinst, so leicht und duftig, dass es sich bei nächster Gelegenheit in Luft auflöst. Sondern es geht im wahrsten Sinne des Wortes um "Herrschaftswissen". "Weisheit" bezeichnete nämlich sowohl im Alten Testament wie auch in den altorientalischen Großreichen die Bildung der Staatsbeamten und war insofern gesellschafts- und staatstragend und deshalb auch mit durchaus handfesten Interessen verbunden. Neben den Sprüchen Salomos, dem Prediger Salomo, dem Buch der Weisheit und dem Jesus Sirach gehört gerade auch das Buch Hiob zu dieser Form von Bildungsgut, das sich neben den Gesetzen Gottes (Tora), den Geschichtsbüchern, den Propheten und den Psalmen als legitimer Bestandteil der heiligen Schrift durchgesetzt hat.

Worin besteht nun diese tiefere, alles durchschauende, auf die Praxis ausgerichtete Weisheit Gottes, an der wir Menschen uns ein Beispiel nehmen, von der wir uns ein gutes Stück abschneiden sollen? Gott ist weise, weil er alle Dinge und alles Geschehen im großen Zusammenhang sieht und behandelt. Erst dadurch gewinnt das Einzelne den Platz und das Gewicht, die ihm zukommen. Erst dadurch wird es nicht zu leicht, aber auch nicht schwerer genommen, als ihm gut tut. Erst die Zusammenschau lässt auch die Unterschiede deutlich werden, die es möglich machen, sich dem Einzelnen so zuzuwenden, wie es ihm entspricht. Und genau daraus lässt sich dann auch ganz praktisch Nutzen für das eigene Handeln ziehen.

Denn das sagt Gottes Weisheit zum Menschen: "Sieh, den Herrn zu fürchten, das ist Weisheit, und das Böse zu meiden, das ist Einsicht" (Vers 28). Damit ist freilich nicht gemeint, die Welt in Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Willig und Unwillig einzuteilen und dann kräftig draufzuschlagen auf die Achse des Bösen. Dies ist gerade kein Ausweis von Weisheit und richtiger Erfassung der Zusammenhänge. Denn dem Weisen ist klar, dass Weiß und Schwarz so trennscharf unter den Menschen und Völkern der Erde nicht verteilt sind und dass die Weisheit gerade darin besteht, mit dieser grauen Mischung der Schattierungen in einer klugen Weise umzugehen.

Es mangelt nicht am Fachwissen der Spezialisten, aber an der Übersicht und Klugheit von Weisen, die hinter die Dinge schauen.

Worin besteht nun aber der Rahmen, der das "Zusammen" der Zusammenschau bildet, wenn Gott "die Enden der Erde sieht und alles schaut, was unter dem Himmel ist"? Für ihn ist es natürlich der innere Zusammenhang seines eigenen Werkes, seiner Schöpfung; und noch genauer: es ist die Seele, die er ihr mitgegeben, der Atem, den er ihr eingehaucht hat - das Leben. Das "Zusammen", um das es hier geht, entfaltet sich aus den großen Lebenszusammenhängen, innerhalb derer wir leben.

Das wird uns ja heute immer deutlicher, dass die vordringlichen Probleme, mit denen wir uns auseinander zu setzen haben, genau aus den tiefen Verletzungen hervorgehen, die wir den umfassenden Lebenszusammenhängen angetan haben. Eine Ökonomie, die sich über die natürlichen Kreisläufe des Lebens hinwegsetzt und die Belastbarkeit der Erde für unerschöpflich hält, produziert ökologische Katastrophen. Eine Globalisierungspolitik, die soziale und kulturelle Lebenszusammenhänge für Modernisierungshindernisse hält, entwurzelt ganze Gesellschaften und spaltet die Menschheit. Eine Arbeitswelt, die einseitig auf die Abrufung einer eng definierten Maximalleistung setzt, zerstört den Lebenszusammenhang der persönlichen Biografien und wirft Menschen mit 45 Jahren zum alten Eisen. Eine Gesellschaft, die die Gestaltung ihrer Verhältnisse einlinig dem Primat wirtschaftlicher Erfordernisse unterordnet, zerstört soziale Zusammenhänge und Gewissheiten und nimmt den Menschen das Vertrauen in jede Form von Stabilität.

Von Gottes Weisheit zu lernen, das wird heute vor allem heißen, die Lebenszusammenhänge, in denen wir handeln, genauer zu erkennen, sie ernster zu nehmen und bei dem, was wir tun, stärker zu berücksichtigen. Wir würden davon in vielfacher Hinsicht profitieren.

Dr. Walter Sohn

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