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"Ich war ein Weihnachtsmann", grüßt vom Plakat mümmelhaft grinsend ein freundlicher Osterhase, dabei eine Pfote winkend erhoben. Ruprecht steht sinnend vor dem Plakat, das hier im Foyer der Firma aufgehängt worden ist, um für das neue Fortbildungs- und Umschulungsprogramm der Knecht - Ruprecht - Abteilung zu werben. Was nun? Zum Osterhasen umschulen, wie es das Plakat nahe legt? Oder im Bescherungsservice weitermachen, mit weniger Arbeitszeit als bisher und noch weniger Geld? Ruprecht, der sein ganzes Leben mit Rentieren verbracht hat, kann sich nur schwer vorstellen, sein Geld künftig mit dem Verstecken von bunten Eiern zu verdienen.

Schmerzlich, hatte der Alte eisig gesagt, schmerzlich aber unumgänglich zur Sicherung des Wirtschaftsstandortes Himmel und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Das war vielleicht ein Tumult, der da ausgebrochen war!

Der Alte seufzte ergeben, brummelte etwas von "unpopulären Entscheidungen", die zu treffen seien und polterte schließlich los, so, wie Ruprecht es sage werde es gemacht, sonst ... er überlegte angestrengt, was sonst passiere. "Sonst werden hier alle entlassen!" Noch eine sichelnde Geste der rechten Hand und damit Schluss.

Das Foyer hat sich inzwischen mit weiteren Weihnachtsmännern gefüllt, die alle das Plakat mustern und dann erregt diskutierend in Gruppen herumstehen. Ruprecht gesellt sich zu einer Dreiergruppe nahe der Sitzecke. Die Kollegen haben sich für den Kurs über artgerechte Rentierhaltung entschieden. Obwohl Ruprecht alles über Rentiere weiß, was man über Rentiere wissen kann, beschließt er, sich den dreien anzuschließen, und sie machen sich auf in den Schulungsraum.

Einer von ihnen, ein ansonsten als gutmütig geltender Dicker, berichtet von der neusten Dienstanweisung der Management - Direktoren und schimpft lauthals vor sich hin. "Schwachsinn! Schafft man doch gar nicht. Eine komplette Bescherungstour in der halben Zeit. Ist doch unmöglich!"


"Na ja" lenkt ein anderer ein, "dann bleibt das eben weg mit - immer schön brav - und so. Dann gibt's eben zack die Geschenke und weg."

"Aber das ist doch", der Dicke ringt nach Luft, "das ist doch keine Bescherung mehr. Dann können wir den ganzen Krempel ja gleich mit der Post schicken." "Psst", der andere packt den Erregten am Arm und schaut sich sichernd um. "Sag das hier nicht so laut. So eine Idee fehlt denen gerade noch. Dann können wir alle Osterhasen werden."

Ruprecht malt sich still die Bescherung der Zukunft aus. Schnell, pünktlich, effektiv organisiert bei optimaler Auslastung der Arbeitskraft. Nur - eine Bescherung ist das nicht mehr. Da hat der erzürnte Kollege schon recht.

"Das ist die neue Zeit", murmelt er leise vor sich hin. Aber der Dicke hat es doch gehört.

"Wie meinst du das?" "Na ja", Ruprecht zögert, "Konferenzen, Fortbildungsprogramme, Management-Direktoren ... Es wird alles immer besser, immer effektiver und optimaler. Und dabei..."

Ruprecht sucht die richtige Formulierung. "Dabei verschwindet der Sinn der Sache... Wir verbessern alles, indem wir... indem wir es aus der Welt schaffen." Resigniertes Schweigen antwortet ihm. Ruprecht fällt noch etwas ein.

"Und Experten. Experten muss es jetzt auch geben für alles", grollt er und folgt den Anderen in den Schulungsraum, um sich über Rentiere belehren zu lassen, mit denen er doch sein ganzes Leben verbracht hat.

Jürgen Sperl (leicht verkürzt)

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