Sie sind hier:  BVEA "Archiv 4-2001 / Terrorbekämpfung - EAB Mecklenburg - Vorpommern - Helmut Thal"
Zurück ] [ Willkommen ] [ Nach oben ] [ Weiter ]

 Suche:

Archiv 2001  - Rundschau der Evangelischen Arbeitnehmer Ausgabe 4-2001

Zukunft ohne Ehrfurcht vor dem Leben ?

Menschen dürfen ihr Dasein nicht in Furcht vor Terror zubringen

"Was immer Menschen zu tun in der Lage waren, das haben sie bisher getan - warum nicht auch in der Zukunft?" So und ähnlich antworteten oft Verhaltensforscher, befragt über künftige Kriegsgefahren.

Was am 11. September in New York geschah, bestätigt diese Anschauung. Es hat jeden tief getroffen, der es vernahm. "Nun ist nichts mehr so, wie es vorher war!" Dieser Satz stimmt, wie er schon stimmte bei Auschwitz und Hiroschima. Gewissenlose und andrerseits auch verantwortungsgebotene Gewaltanwendung tendieren oft zwangsläufig zur Ausschöpfung des verfügbaren Vernichtungspotentials. Die Fragestellung, in welchem Unmaß Menschen zur Fremd- und Selbstvernichtung fähig und bereit sind, war selten so akut wie heute.

Was Menschen zu tun in der Lage waren, das haben sie getan - nicht nur zum Schlechten, sondern auch zum Guten, Nützlichen, Notwendigen. Dies ist die andere Seite dieser Erfahrungstatsache. Wird sie sich neu bestätigen?

Jetzt geht es um Fahndung nach den Verantwortlichen, um sie zur Verantwortung zu ziehen, mit Mitteln, die zum Gelingen führen. Doch so, dass kein Unschuldiger verletzt wird. Jeder weiß: Wer Unkraut bekämpft und Kulturpflanzen mit verdirbt, taugt nicht zum Gärtner. Taugt nun aber, wer Schuldige bekämpft und Unschuldige mit verdirbt, ebenso wenig zum militärischen oder zivilen Verantwortungsträger? Die Vokabel "Kollateralschäden" offenbart eine verblüffende Kunstfertigkeit, die eindeutige Beantwortung solcher Frage zu umgehen. Es ist im vorliegenden Zusammenhang ein Unwort zur Kaschierung von Untaten.

Dass kein übereilt unausgewogener Vergeltungsschlag stattfand, spricht für die Besonnenheit der Führungskräfte. Dass alles Weitere im vertretbaren Rahmen bleibt, ist unabdingbar wie auch die Ausrichtung der eingeleiteten Maßnahmen auf ihren Sinn und Zweck.

 Menschen dürfen ihr Dasein nicht in Furcht vor Terror zubringen. Die Bedrohlichkeit der Situation wird mit daran deutlich, dass bei dem Versuch, das Profil der Täter vom 11. September und ihrer Hintermänner zu markieren, von Menschen gesprochen wird, die dem "abgründig Bösen" verfallen sind. Ein unwirklich anmutendes Horrorszenario 2001!

Vor 100 Jahren stand Albert Schweitzer am Anfang eines Lebenswerkes, das in Wort und Tat Ehrfurcht vor dem Leben erkennen ließ. Dementsprechend lautete dann auch der Leitsatz seiner Ethik "Ehrfurcht vor dem Leben". Es waren, wie Churchill und Einstein, keine Phantasten, die in Schweitzers Leben und Wirken ein Hoffnungszeichen für die Zukunft sahen. Doch scheint, was sie erhofften, sich weithin nicht zu bestätigen. Wie weit nicht? Diese Frage stellt sich unausweichlich, wenn der UNICEF- Bericht zur "Situation des Kindes im Jahre 2001" feststellt, dass immer noch täglich 30.000 Kinder sterben, wiewohl dies vermeidbar wäre. Eine bestürzende Feststellung!

Seit Jahrzehnten wissen wir, wie es um Hunger und Elend in der Welt bestellt ist; dass von heute auf morgen keine Besserung herbeigeführt werden kann, zumal Maßnahmen im Sinne von "Hilfe zur Selbsthilfe" erst langfristig greifen; dass mitunter wirtschafts- und gesellschaftspolitische Gegebenheiten einen Wandel blockieren und unterschiedliche Schwierigkeiten vor Ort manche Hilfeleistung erschweren.

Und seit Jahr und Tag sind viele Institutionen, Verbände und Einzelpersonen - oft bis zur Selbstaufopferung - bemüht, Abhilfe zu schaffen. Dennoch verlautet von maßgeblicher Stelle: Täglich sterben, obwohl vermeidbar, 30.000 Kinder. Auch ein unwirklich anmutendes Horrorszenario 2001! Um dies zu bannen, bedarf es jedoch keiner Jagd auf "dem abgründig Bösen" verfallene Verbrecher. Dazu bedarf es nur zusätzlicher Bemühungen des in Wohlstandsbereichen angesiedelten Teiles der Menschheit. Hierzu gehören auch die USA und ein großer Teil Europas. Dass hier wie dort nicht an den Menschenschicksalen der Elendsregionen vorbeigelebt wird, wurde aufgezeigt. Und dennoch drängt sich die Frage auf: Sind bei uns denn Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit und Egoismus derart dominant, dass sie uns an konsequenter Hilfeleistung hindern mit dem Ergebnis von täglich 30.000 Kindstoden?

Damit wird doch deutlich: Die Versäumnisse harmloser Erdenbürger haben weit verheerendere Folgen als die Untaten grausamer Terroristen. Wenn wir dies erkennen und es dabei belassen, sind wir nicht mehr harmlos. Die Terroristenbekämpfung nimmt inzwischen ihren Lauf. Know how, Tatkraft und Materialien aller Art kommen bedarfsgerecht zum Einsatz. Nun darf aber, was zusätzlich zur Behebung menschlichen Elends unternommen werden muss, auch nicht länger auf sich warten lassen. "Ehrfurcht vor dem Leben". Sie ist eine Lebenshaltung, zu der jeder Zugang finden kann. Sie ist grenzüberschreitend und dürfte wesentlich zum Anliegen aller Religionen gehören. Sie ist eine tragfähige Basis für das Zusammenwirken aller.

In diesem Sinne geschehe, was zu geschehen hat, Wahrnehmung der allgemeinen Bedarfslage, allseitige und umfassende Information, sodann Organisation und Durchführung von Abhilfe. Die nötigen und bewährten Einrichtungen sind vorhanden, von der UNO bis hin zur lokalen Ebene. Wenn bisherige Bemühungen koordiniert, intensiviert und unablässig verstärkt werden, kann Gelingen nicht ausbleiben.

Menschliches Können, in vielen Schaffensbereichen vielfach bewährt, möge hierin mehr und mehr sein vorrangiges Betätigungsfeld finden. Es geht um Einsatz, der vielen gut- und keinem wehtut und der keine Sache von Beliebigkeit ist. Von ihm hängt es auch ab, in welcher Weise die Überlebensfrage der Menschheit beantwortet wird.

Helmut Thal, EAB Mecklenburg-Vorpommern

nach oben


Der BVEA ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich


Adresse bis 31.12.2006:  BVEA- Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.
 Auguststr. 80, 10117 Berlin - Mitte, E-Mail: aus spam-gründen mail-adresse als bild

Aktuell:BVEA - Bundesverband Evangelischer Arbeitnehmerorganisationen e.V.
Alfredstraße 53 - 45130 Essen
Tel.: 0201 770392 - Fax: 0201 777950 - mail:bvea-mail-aus spam-gründen nur als bild