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Schöne neue Sonntagswelt

Menschen stürmen in Massen die Kaufhäuser an verkaufsoffenen Sonntagen: Wir sind das Volk und wollen am Sonntag einkaufen! Auch wenn es (noch) gesetzwidrig ist, auch wenn das Grundgesetz den Sonntag weiter schützt. Es geht nicht mehr nur um den Kampf der Kaufhausketten um Kunden, es geht nicht mehr nur um die Steigerung des eigenen Umsatzes, sondern auch um das Sonntagsvergnügen vieler Menschen am grenzenlosen Einkauf. Das Kaufhaus als kollektiver Freizeitpark. Schöne neue Sonntagswelt.

Die Kirchen halten wacker dagegen: eine neue gemeinsame Erklärung ist in Arbeit. Auch der BVEA hat eine Stellungnahme gegen verkaufsoffene Sonntage veröffentlicht (verbunden allerdings mit dem Zugeständnis, daß wir nicht länger für eingeschränkte Ladenöffnungszeiten an den anderen sechs Tagen der Woche kämpfen). Doch viele Menschen empfinden das als Gängelei. Sie wollen sich von den Kirchen nicht länger vorschreiben lassen, worin ihr Glück liegt, und sich zu diesem verordneten Glück schon gar nicht zwingen lassen. Warum haften wir als evangelische Arbeitnehmerschaft fest an der Forderung nach einem (mit genau definierten gesellschaftliche notwendigen Ausnahmen) arbeitsfreien Sonntag? Wir müssen uns immer wieder besinnen auf unsere christlichen Wurzeln und uns in diesem Fall mit der Frage befassen:

Was bedeutet und bezweckt das Sabbatgebot?

Das Sabbatgebot ist ein Gebot der kollektiven Arbeitsruhe. So wichtig Arbeit für Menschen ist, so wichtig ist für Ihn Zeit der Ruhe, der Wiederherstellung der Arbeitskraft, der Besinnung auf Sinn und Bestimmung seines Lebens. An dieser Stelle ist die Bibel sehr genau:"Der siebte Tag soll ein Ruhetag sein, der dem Herrn, deinem Gott, gehört. An diesem Tag, sollst du nicht arbeiten, auch nicht deine Kinder, deine Sklaven, deine Rinder und Esel oder sonst eines deiner Tiere, und auch nicht der Fremde, der bei dir lebt. An diesem Tag sollen deine Sklaven und Sklavinnen genauso ausruhen können wie du."Es geht also um ein Zeichen des Glaubens: Ein Tag in der Woche steht uns nicht beliebig zur Verfügung, sondern gehört Gott, er schenkt uns diesen Tag, damit unser Leben gelingen kann. Und er schenkt uns diesen Tag als gemeinsamen freien Tag. Das "du" der Gebote ist nicht individuell zu verstehen, sondern schließt alle Menschen ein.

Das Sabbatgebot schützt vor Ausbeutung

Was machen wir Christen mit diesem Geschenk? Wie gestalten wir diesen Tag? Wehe Zeichen unseres Glaubens setzen wir und wie überzeugend und einladend sind sie? Der alte Spruch bekommt ja immer größere Aktualität, dass die Christen die einzige Bibel sind, die andere noch lesen. Was erfahren andere Menschen über das Sabbatgebot, wenn sie uns "lesen"? Und wie setzen wir die Interessen für gemeinsam gestaltetes Leben durch gegen die Interessen der Verkaufsorganisationen, ohne die individuellen Interessen der Käufer einfach nur mies zu machen?

Wo bleibt die Solidarität der Arbeitnehmer?

Das Sabbatgebot schützt vor Ausbeutung. Das Menschliche Leben ist gefährdet dadurch, dass Menschen andere Menschen in Arbeit treiben ohne Rücksicht auf Personal, Bodenschätze, Natur, allein zum eigenen Gewinn oder Ruhm. Deshalb wird dieses Gebot im 5. Buch Mose (Kapitel 5) so begründet:"Denk daran, dass du selbst in Ägypten Sklave warst und der Herr, dein Gott, dich mit starker Hand und erhobenem Arm von dort in die Freiheit geführt hat. Deshalb befiehlt er dir, den Tag der Ruhe einzuhalten."Der Sabbat hat also einen subversiven Charakter: Er hetzt abhängig Beschäftigte auf, ihre Abhängigkeit in Frage zu stellen, selbstbestimmte Zeit einzufordem und sich immer wieder neu zu erkämpfen.Wie können wir diesen Kampf um selbstbestimmte Zeit fördern, organisieren? Wo bleibt die Solidarität der Industriearbeiterschaft und der abhängig Beschäftigten in anderen Dienstleistungsbetrieben mit dem Verkaufspersonal? Die Ausbeutung der Beschäftigten wird ja nicht mehr nur von den Geschäftsleitungen betrieben, sondern von anderen abhängig Beschäftigten in Ihrer Eigenschaft als Konsumenten unterstützt, die sonntags essen gehen, einkaufen, andere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Wo ziehen wir für uns die Grenzen und wie kommen wir da zu mehr solidarischer Selbstbeschränkung?Das Sabbatgebot schützt vor Selbstausbeutung. Wir gefährden unser Leben nämlich auch dadurch, dass wir uns selbst in die Arbeit treiben, sei es aus Angst vor Entlassung, sei es aus blanker Existenznot, sei es aus Lust an der Arbeit, sei es aus blankem Gewinnstreben. Weil die Verführung zur Selbstausbeutung so groß ist, wird dieses Gebot im 2. Buch Mose (Kapitel 20) im Schöpfungshandeln Gottes verankert:"In sechs Tagen hat der Herr Himmel, Erde und Meer mit allem, was lebt, geschaffen. Am siebten Tag aber ruhte er. Deshalb hat er den siebten Tag der Woche gesegnet und zu seinem Tag erklärt."Dieser Verzicht auf Arbeit bedeutet Nachteile - übrigens schon immer: Er mindert zu allen Zeiten die eigene Finanzlage und stellt einen Standort- nachteil dar, die Konkurrenz ist groß und nützt jede vermeintliche Schwäche, egal wann und wo.

Das Sabbatgebot ist für die Menschen da

Wir werden den Verzicht auf Arbeit an einem Tag der Woche nur durchhalten, wenn wir das Vertrauen aufbringen, deswegen trotzdem nicht zu verarmen und unterzugehen. Dieses Vertrauen, dieser Glaube braucht Nahrung, braucht ein paar Menschen, von denen ich zuversichtlich weiß, denen liegt daran, dass auch ich, dass ich mit ihnen über die Runden komme. Geht unsere Solidarität in afa, EAN und EAB so weit? Ist der BVEA ein Platz, ein Refugium, wo wir solcher Art Solidarität erleben, vielleicht wieder lernen können? Vielleicht ist unsere Art, miteinander Leben zu gestalten, der einzige Gottesdienst, an dem andere noch interessiert sein könnten.Übrigens brauchen wir die sechs anderen Tage der Woche, um alle unsere Arbeit zu tun. Nicht nur unsere bezahlte Erwerbsarbeit, sondern auch all die Arbeiten, die notwendig sind, dass der Sonntag ein Festtag, ein für alle schöner Tag wird. Wenn ich am Samstag spät abends von einer Sitzung heimkomme, ist der Sonntag zwar frei, aber nicht vorbereitet und daher schon halb kaputt, auch wenn es auf dieser Sitzung um die Erhaltung des arbeitsfreien Wochenendes ging.Das Sabbatgebot ist für den Menschen da, nicht nur der Sabbat. Dieser Einspruch, den Jesus gegen alle Sabbatregelungen setzt, die den von Gott geschenkten Tag der Freiheit neuen Zwängen unterwirft, wird für mich wichtig gerade im Blick auf die befremdlichen Gestaltungswünsche vieler Zeitgenossen. Wir werden den freien Sonntag, den wir Christen als unseren Sabbat begehen, nur erhalten und genießen können, wenn er für uns und andere Menschen keine zusätzliche Last darstellt. Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Freie Zeit zu gestalten, ist für viele eine zusätzliche Last. Die Sonntagspflicht ist für viele eine zusätzliche Last, der freie Sonntag soll ein Festtag sein, der für alle schön ist, den die Menschen genießen können, der ihrem Leben mehr Qualität gibt, auf den sie sich freuen. Wenn das nicht gelingt, ist die ursprüngliche Bedeutung, das von Gott angestrebte Ziel verfehlt; und dann können wir auf ihn auch verzichten.Die Sehnsucht der Menschen nach Nähe, nach Wärme, nach Zuneigung und Zuwendung durch andere Menschen ist im Maschinenzeitalter nicht verloren gegangen und wird, da bin ich mir sicher, auch im Zeitalter der Kommunikationstechnologien nicht verloren gehen.Unsere Aufgabe als Kirche und damit auch als evangelische Arbeitnehmerschaft muss also auch darin liegen, diese Sehnsucht nach menschlicher Begegnung wach zu halten, zu pflegen und als Anspruch des Menschen, als sein ureigenstes Interesse in Gesellschaft und Politik zu vertreten.Darin liegt für mich der eigentliche Grund, für die Erhaltung und Wiederherstellung des arbeitsfreien Sonntages und Wochenendes zu kämpfen. Uns muss die Möglichkeit zu menschlicher Begegnung erhalten bleibt, auch wenn viele dafür gegenwärtig keinen Sinn haben. Uns ist nicht verheißen, dass wir mit Gottes Hilfe das Sabbatgebot gegen die Interessen des Kapitals und gegen die vermeintlichen Interessen vieler Mitmenschen in gesetzlichen Regelungen durchsetzen können - auch wenn das an vielen Stellen hilfreich war und weiterhin hilfreich wäre. Aber es ist uns verheißen, dass wir die Barmherzigkeit, die Liebe und Treue Gottes erfahren, wenn wir uns an seine Gebote halten und für sie einstehen in unserem Lebenszusammenhang.

Dieser Verheißung Gottes, die allen seinen Geboten gilt, geht eine Warnung voraus: wenn sich die Menschen an Gottes Gebote nicht halten, werden sie Schaden nehmen an Leib und Seele für lange Zeit. Aber mit diesem Wissen werden wir Anders- denkende nicht überzeugen können. Drohungen nützen nichts, denn es geht um unser Leben, um sinnvoll gestaltetes Leben und damit um das fröhliche und solidarische und friedliche Zusammen- leben mit anderen Menschen. So ist es uns von Gott zugedacht. So wollen wir es gestalten in der Hoffnung, dass eines Tages viele anders auf den Geschmack der Sabbat -Freiheit kommen.

Klaus Wunderlich, afa Bayern

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